Rezension: Die verblödete Republik von Thomas Wieczorek

blöde repHier kommt das große Umsichschlagen. Gegen alle. Das Establishment. Die „psyopathischen Kapitalisten“.

Die Wahl ist vorbei und viele fühlen sich unsicher, was die neue Regierung bringt. Bringt Wieczoreks Buch Aufklärung über die Machenschaften im Staat? Hilft es verstehen zu lernen, wie das Theater auf den Bühnen der Politik, der Medien und der Wirtschaft funktioniert?

Kuzum: Nein.

Der Autor verfällt schnell in immer polemischere Aussagen und nach und nach wird seine Sprache immer zügelloser. Ist aber nicht mal lustig, sondern nur noch ärgerlich. Aber von vorn.

Die verblödete Republik. Ganz schön reißerischer Titel. Und arrogant noch dazu. Impliziert er doch, dass der Autor allein alles weiß, was in der Republik alles falsch läuft. Wo wann wer zum Narren gehalten wird. In sechs Teile gegliedert will der „Journalist und Parteienforscher“ (so die Buchinfo) uns nun mal so richtig die Augen öffnen. Zu Beginn benutzt er noch das sehr ausgereizte Einstein-Zitat „Zwei Dinge sind unendlich: das Universum und die menschliche Dummheit. Aber beim Universum bin ich mir nicht ganz sicher.“ OK, lassen wir uns von Wieczorek mal aufklären.

Teil I – Der politisch verblödete Bürger.

Fazit des Kapitels: In der Poltik wird gelogen. Ach? Hier gibt es zur Einstimmung ein Zitat von Rosa Luxemburg: „Könnten Wahlen etwas ändern, würde man sie verbieten.“ Man stellt sich mit der Auswahl seiner Zitate ja immer in eine gewisse Tradition, stellt sich als Zitatnutzer quasi auf eine Stufe mit dem Zitatgeber. Da könnte man zum Thema Sinn von Wahlen eine ganz eigene Diskussion starten, ich fand das einen bedenklichen Einstieg. Meine persönliche Lesweise.

Ja, die böse Politik. „Die da oben“ belügen „uns“ alle. Wir können durch das demokratische System, dass in der BRD gilt, gar nichts ausrichten, haben keinen Einfluss auf Schalten und Walten in unserem Land. Eigentlich leben wir in der Matrix, so Wieczorek, denn die demokratischen Handlungsmöglichkeiten seien allesamt Mythen:

  • „Mythos Rationale Wahlentscheidung“
  • „Mythos Volkswille“
  • „Mythos Mitwirkung“
  • „Mythos Gemeinwohlorientierte Politiker“
  • Mythos Transparenz-Heimlichtuerei“
  • „Mythos Wahrhaftige Politiker: Lob der Lüge“

heißen dann auch jene Kapitel des ersten Buchteils, dass sich in weiteren Abschnitten mit dem „Pseudosozialstaat“ und dem „Pseudorechtsstaat“ auseinandersetzt. Wenn man das so nennen mag. Mal wird hier eine Begebenheit zitiert und uns vorgeführt, wie schlecht „das System“ ist, mal dort, immer auf obigen Grundgedanken „Jeder lügt und wird belogen“ gemünzt. Hm, was soll uns das jetzt bringen? Wahnsinnserkenntnis bis hierhin. Das ist weder Enthüllungsjournalismus noch fundierter Qualitätsjournalismus (von dem ich immer noch glaube, dass es ihn gibt). Allerdings gibt es zu Beginn des Buches noch den ein oder anderen schmunzelden Aha-Effekt, der sich im Laufe der Lektüre zum Ärger wandeln wird.

Im zweiten Teil widmet sich Wieczorek der sozialen Marktwirtschaft unbd wirft sofort altbekannte Schlag-, Droh- und Angstworte wie „Neoliberalismus“, „Privatisierung“, „Raffgier“ und „Sachzwang“ in den Raum und forscht der Evolution des Kapitalisten, des „Homo econoemicus“ nach. Und wieder wird mal in die Ecke getreten, hier kurz ein Finger in eine (aufgerissene) Wunde gelegt oder dorthin gepöbelt. Bl0ß mal überall hinhauen, damit man ja auch alles abdeckt. Wie sachlich und kritisch kann solch eine Herangehensweise sein? Eben! Hier wollte ich das Buch (in meinem Kopf war es nur noch das „Pamphlet“) schon weglegen, aber ich habe mich durchgezwungen. Durch die Kapitel „Ablenkung“, „Bildung“ und „Aufgehetzt“. Ach wie schön provokant. Hier wird es uns mal richtig gezeigt. Die vielen Beispiele, die mal hier, mal dort die Unsinnigkeit, das Kranke am System, die Lügen zeigen, wirken oft so aus dem Kontext gegriffen. Allein da könnte man bestimmt einen genauen Gegenentwurf zu diesem Buch schreiben. Wenn es ins Bild passt, zitiert Wieczorek gerne jene Zeitungen, die er im anderen Fall dann wieder angreift für ihre Berichterstattung. Ja, das kommt gut. Auch schön, wie der Autor erläutert, dass Umfragen und Statistiken Unsinn seien, da deren Ergebnisse oft in Verbindung zum Autraggeber zu sehen seien (wieder: eine Wahnsinnserkenntnis!). Blöd nur, dass er alle Nase lang irgendwelche Ergebnisse solcher Art zu Hilfe nimmt, um seine Thesen zu untermauern. Kontraproduktiv.

Man sollte sich den Titel zu Herzen nehmen, dieses Buch als Teil der Medien werten und sich nicht verblöden lassen, denn mit einem hat der Autor recht: Man muss für sich selbst entscheiden, wie viel man wissen möchte, denn niemand kann alles wissen. Es schadet nicht, Dinge zu hinterfragen und sich mehr als eine Meinung, einen Standpunkt zu einem Thema anzuhören. Erleuchtung bringt dieses Buch, von dem man das Gefühl hat, ein kleiner wütender Misanthrop hat es in einer verärgerten Nacht schnell herunter geschrieben, gewiss nicht. Vielleicht ist da auch Ironie im Spiel und ich hab‘ sie nicht erkannt. Für mich ist es einfach unsagbar einseitig.

Thomas Wieczorek: Die verblödete Republik. Wie uns Medien, Politik und Wirtschaft für dumm verkaufen. 336 Seiten. Knaur 2009.

Für Interessierte: Buch kaufen.

© Simone

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