Gastautoren schreiben. Heute: „Drum prüfe, wer sich für eine längere Zeit bindet – from the other side of the trench“

Ich gestehe.

Ich bin Unternehmer.

Ich stelle Bewerber nicht ein.

Obwohl ich es könnte.

Bin ich grausam? Herzlos? Einfach ein Unmensch?
Das mag entscheiden wer will. Ich habe aber meine Gründe.

Ich erinnere mich daran, wie wir vor ein paar Jahren kurz nach Gründung der Firma die ersten Mitarbeiter eingestellt haben. Wir hatten kaum Geld und noch weniger Ahnung. Statt einer Anzeige bei Monster oder anderen -mit Verlaub- überteuerten Jobbörsen blieb uns nur der Weg über die Arbeitsagentur. Wir hatten genau genommen auch nur eine sehr verschwommene Vorstellung über die notwendigen Qualifikationen. Ja, ein wenig Technik, ein wenig Erfahrung. Der Rest würde sich dann schon ergeben.

Der Schuss ging gewaltig nach hinten los. In Ermangelung von nennenswerten Kriterien und einer bescheidenen Auswahl haben wir uns gezwungen, uns für einen Kandidaten zu entscheiden. Doch es passte hinten und vorne nicht. Es folgten haarsträubende Episoden, die Bücher füllen könnten, regelmäßige Krisengespräche und ein permanenter Nervenkrieg. Klar war für mich: ich bin dafür verantwortlich. Ich habe letztlich entschieden, diese Person einzustellen. Irgendwie muss es ein Weg geben, sie in dieses Team zu integrieren. Schlussendlich eskalierte die Situation soweit, dass eine Weiterarbeit nicht mehr möglich war.

Diese Erfahrung war teuer, nervenaufreibend, hat mich um Jahre altern lassen, aber diese Erfahrung war im Endeffekt auch wichtig. In jeder Firma, die Know-How benötigt, sind die Mitarbeiter das Kapital. Der Satz ist zum Gemeinplatz geworden. Falsch ist er dennoch nicht. Man muss ihn aber leben.

Wenn ich einen Mitarbeiter einstelle, muss ich wissen, welche Erwartungen ich an ihn habe und umgekehrt. Ich muss mir im Klaren darüber sein, was die Aufgaben sein sollen und welche Qualitäten der Mitarbeiter mitbringen muss. Aus der Erfahrung ist dies mittlerweile weit weniger -im technischen Bereich- die Fähigkeit, bestimmte Technologien zu beherrschen. Viel wichtiger ist für mich: wie lernbereit, lernfähig und selbständig ist der Kandidat? Bei anderen Positionen kann es dagegen wichtig sein, dass die Person genauestens die Vorgaben erfüllt und sich nicht, uhm, von eigenen Vorstellungen ablenken lässt.

Nur: diese Erwartungen müssen klar definiert sein. Was ist die Kernaufgabe? Welche Fertigkeiten muss der Kandidat noch an den Tag legen? Sei es grundlegend Intelligenz, Flexibilität, Selbständigkeit? Diese Definition erfordert offenkundig viel Zeit und Nerven.

Zugegeben, wir haben es uns einfach gemacht. Der Vermieter des damaligen Büros ist Arbeitspsychologe. Sein Team hat jeden nachfolgenden Kandidaten psychologisch getestet. Gemeinsam haben wir ein Suchprofil für die jeweilige Stelle entwickelt und dieses abgeglichen. Die Tests treffen natürlich keine Aussage, ob der Kandidat die fachlichen Fähigkeiten hat. Sie bilden aber eine hervorragende Grundlage für die eigentlichen Gespräche. Nur die Kandidaten, die aufgrund des Ergebnisses geeignet erscheinen, werden ins Gespräch geholt. -Ich verkürze den Vorgang hier etwas, es ist auch für die abgelehnten Bewerber weit weniger schlimm, als es klingt.- Vielmehr erhöht es allgemein die Chance für Kandidaten, die aus formalen Gründen vielleicht abgelehnt worden wären. Mich interessiert schließlich weniger, was die Bewerber vorher gemacht haben, sondern was sie in der Lage sind, in Zukunft zu erreichen. Studium? Muss nicht zwangsläufig ein Nachteil sein (dann aber lieber Byzantinistik als Informatik). Zeugnisse? Hmm, ein Pluspunkt, wenn er im Chor der Schule gesungen hat. Möglichst fehlerfreies Anschreiben? Ja, ein wenig ehrliches Bemühen erwarte ich von einer Bewerbung.

Da die prinzipielle Eignung durch den Test bewiesen ist, kann man sich im Gespräch darauf konzentrieren, herauszufinden, was der Kandidat fachlich in der Lage ist direkt zu leisten. Aber man kann auf der Basis ebenfalls viel genauer hinhören, heraushören, ob man mit ihm arbeiten kann und will. Man muss mit jedem Mitarbeiter eine Ebene finden können. Nur so lässt er sich ins Team integrieren. Ich „teste“ im Gespräch daher unter anderem, ob der Bewerber meine Witze versteht. Dies ist immerhin meine noch nicht falsifizierte Methode, einen potentiellen Mitarbeiter zu beurteilen. Es besteht aber die Möglichkeit, in eine „lockere“ Unterhaltung einzutreten. Denn: nicht nur für Bewerber sind die Gespräche Stress. Gleichzeitig komme ich weg von gestanzten, wohl abgewogenen Standardsätzen. Dies hilft beiden Seiten. Bewerbungsgespräche sind immer großes Theater, ein Blick hinter die Kulissen kann aber nicht schaden. In den Gesichtern von so manchem habe ich ein „Was für ein Spinner“ herausgelesen und auch die Personaler haben mir nahegelegt, mich konformer zu benehmen („Ziehen Sie sich ordentlich an und laufen nicht ‚rum wie ein Christbaum“). Gut, mittlerweile trage ich dann auch einen passenden Anzug. Noch immer halte ich mich aber nicht an irgendein Skript. Ich will mit meinen armseligen Mitteln die Person kennenlernen.

Schließe ich dadurch nicht auch geeignete Bewerber aus? Natürlich. Natürlich sind Tests nicht 100% (die Validität liegt vielleicht bei 70%+). Und weiß Gott, meine Gesprächsführung ist es auch nicht.
Aber verdammt: kein Personaler, kein Entscheider ist perfekt. Weit davon entfernt. Nur gerade bei kleineren Unternehmen (sagen wir mal <20 Mitarbeitern) ist das Zusammenspiel der Personen so wichtig, dass man keinen Fehler machen will. Glaubt jemand, dass man es sich einfach macht, wenn man jemanden einstellt oder jemanden nicht berücksichtigt? Es gibt mit Sicherheit (und das wurde hier auf dem Blog auch schon dargestellt) Personaler, die den falschen Job haben.
Jedoch ist mir besonders wichtig, nicht den falschen Kandidaten einzustellen. Lieber lehne ich jemanden ab, als jemanden zu holen, von dem ich nicht überzeugt bin, dass er in das Team passt. Genauso wie auf der Bewerberseite sind auch die potentiellen Kollegen Menschen. Und ich stehe für auch für die gerade.

Und letztlich: ich will nicht, dass meine Mitarbeiter nur einen Job haben, um einen Job zu haben. Sie sollen Freude an der Arbeit haben
(Natürlich alles mit dem Zweck, dass sie sich besser ausbeuten lassen– nicht ganz im Scherz). Ich hoffe aber, dass wenn ich jemanden nicht einstelle, es die richtige Entscheidung für beide ist.

Das ist aber auch der Unterschied zwischen Großunternehmen und kleinen Klitschen (diese allerdings wächst bald so gewaltig, nächster Halt Börsengang): die Entscheidung wird nah am Team gefällt. Ich weiß, was benötigt wird. Gleichzeitig muss ich auch zugeben, wirkt es halt nicht so „professionell“ bei uns. Und auch unsere Absagen sind nicht immer fein austariert. Dafür muss ich mich entschuldigen, aber auch gleichzeitig um Verständnis werben: auch auf der anderen Seite ist der Bewerbungsprozess anstrengend und aufwändig. Es kostet Nerven, es kostet Zeit. Und dann hat man auch noch einen „normalen“ Job. (Pathos zum Schluss) Entlohnt wird man jedoch durch interessante Gespräche und vielleicht einem neuen Mitarbeiter.

Der Autor, nenne wir ihn einfach „Den Herr“, führt inzwischen sein drittes Unternehmen. Erffolgreich. Wir hatten schon lange geplant, hier endlich auch einmal „die andere Seite“ zu hören. Nun ist es soweit. Wir hoffen auf weitere, ehrliche Texte von Arbeitgebern. Die Antworten geben und einen vielleicht manches endlich einmal verstehen lassen.

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Unser Gast Autor Freddy Krüger ist back und schlägt zu. Denn, here we go again mit der sexy Rubrik der Gastautoren.

Jobs klingeln nicht auf dem Fahrrad – Sie haben keinen Daumen. Wenn der Arsch an der Couch festgetackert ist, bewegt sich auch nix. Shake your Booty to the Beat of the Geldmaschinerie

Finanzkrise! Finanzkrise! Trallala und Hoppsassa! Ja ja, das Leben ist schlimm, gemein, fies und natürlich total ungerecht. Besonders zu denen die es gleich dreimal nicht verdienen- zumindest, wenn es nach ihnen geht. Die Reichen werden reicher und die Armen werden ärmer. Und die Young Professionals immer älter. Young Professionals? Was soll das eigentlich sein? Quotes aus dem „world wide wahnsinn“:

Schön geredet:
„Als Young Professional haben Sie den Einstieg ins Berufsleben bereits erfolgreich gemeistert. Sie haben einige Jahre Erfahrung in Ihrem Beruf gesammelt und sind fit in Ihrem individuellen Aufgabengebiet.“

Kurz gehalten:
“SAP versteht darunter z.B. ein abgeschlossenes Hochschulstudium und 2-5 Jahre relevanter Berufserfahrung“

Auf den Punkt gebracht:
„Viel Theorie und wenig Praxis. Können viel erzählen, aber mit der Umsetzung fehlt es.“

Jetzt mal so unter uns Gebetsschwestern. „Young Professional“ ist doch schon ein Paradoxon an sich. Entweder Young oder Professional. Beides is’ nicht. Das ist doch wieder eine dieser hanebüchenen und unnützen Wortkonstrukte. Einerseits können die Unternehmen, entsprechende Aspiranten durch das Attribut „Young“ klein und billig halten. Andererseits können hochschulabsolvierte Arbeitslose sich einen auf die Titulierung runterholen, ohne jemals dafür die Arbeitswelt von innen gesehen zu haben. Und mal Tellertaxi spielen während des Studiums zählt da grade mal so überhaupt nicht. Ich meine richtige Arbeit. Mit Abhängig davon sein und deswegen den Stolz mehr als einmal schlucken und allem unschönen Chichi, das dazu gehört.

Aber dafür sind sich die durch und durch idealisierten Damen und Herren in ihrer Weltfremdheit viel zu fein. Man ist ja schließlich Young Professional. Keine Haare am Sack, aber Oben gut gekämmt. Also sortiert man erstmal fröhlich jeden Job aus, der unter dem gefühlten Niveau ist. Was übrig bleibt sind Jobs bei denen die Personaler Tränen in den Augen haben, wenn die Bewerbungen (schön nach Lehrbuch und ohne Seele, geschweige denn Eigenständigkeit) rein flattern. Tears of Joy. Tears of Sorrow.

Da ist die Heul-Arie operngleich, wenn man wieder mal eine Absage bekommen hat. Man selbst fühlte sich doch so dermaßen prädestiniert für diesen Job. Böse Welt aber auch. Geht ja gar nicht. Da kippt man sich doch sofort das nächste pseudosozialkritisierende Buch hinter die Augen und fühlt sich bestätigt: Es liegt nicht an mir, es liegt am System. Ich bin besser als das System, deswegen verstößt es mich. Steht so auch im Buch.

Und weil es ja so ist, muss man glücklicherweise auch nicht auf die Idee kommen an der eigenen Einstellung zu schrauben. Nein, nein. Da meckert man doch lieber über die böse, böse Welt. Stilisiert sich selbst immer mehr zum Opfer und Märtyrer der Finanzkrise hoch und kommt mit seinem fetten Arsch nicht mehr von der Couch hoch. Hurrah, lethargisches Jammern als intellektueller Volkssport. Und das for Everyone. Na ja, zumindest for the Young Professionals. Immer schön in der Wunde pulen, damit sie auch ja immer brav am bluten bleibt. I did it all und auch noch my Way – warum will mich also keiner haben? Warum nur? Genau deswegen.

Schon Großmutter sagte immer: Von Nix, kommt Nix! Recht hat sie, die alte Rübenkocherin. Jobs klingeln nicht auf dem Fahrrad – Sie haben keinen Daumen. Also sollte man nicht darauf warten, dass sie sich bemerkbar machen. Man muss sie suchen. Es gibt sie. Sie sind da draußen. Irgendwo. Man muss sie nur sehen können. Doch dazu sollte man von Zeit zu Zeit die Brillengläser putzen, damit der Staub der eigenen Überheblichkeit mal weggewischt wird. Nur weil man studiert hat, vielleicht sogar noch ein Praktikum daran geheftet hat, ist man noch lange nicht prädestiniert bei Microsoft der neue CEO zu werden.

Sorry Kinners, so läuft das nicht. Man kann nicht einerseits die Finanzkrise als Dreh- und Angelpunkt der eigenen Krise nutzen, ohne dabei die Realität auch daran anzupassen. Gerade in diesen Zeiten ist, muss man damit rechnen, dass der Apfel auch mal sauer ist und man trotzdem reinbeißen muss. Aber bedenke: an Apple a Day keeps the Doctor away. Und besser ’nen sauren Apfel in den man beißen muss, als gar nichts zu Fressen zu haben. Übertriebenen Stolz muss man sich leisten können. Heute teurer denn je.

Ich sage nicht, dass es klappt. Ich sage nicht, dass man kurz- oder mittelfristig einen Job bekommt. Ich sage auch nicht, dass das Leben in der heutigen Situation leicht ist. Aber auch wenn es gerade nicht rosarot ist, bringt Schwarzmalerei erst Recht keine Farbe ins Spiel. Colour your Life. Schmiert Senf an die Decke und fang an euch zu Bewegen. Es wird kein Anderer für euch tun.

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Dieser Text ist von unserem schnuckeligen Gastautor Freddy Krüger, und es war mir ein Fest, diesen Text zu veröffentlichen. Muss ja mal ein anderer Wind wehen. Zack Bumm.

Rose

In Bewerbungs-Absurdistan regiert schon mal die laute Stimme – Post von den Lesern

Jessica, eine ambitionierte Designerin a.D. hat ein bizarres Vorstellungsgespräch mit einem echten Egomanen hinter sich gebracht. Als „Therapie“ hat sie es aufgeschrieben und uns zukommen lassen. Vielen Dank dafür. Das Ergebnis einer Initiativbewerbung:

Ich bin freiberufliche Designerin im Bereich Messe und Event. Ich wurde von der Personalerin einer Berliner Agentur aus eben diesem Bereich angerufen, die sich auf meine Initiativbewerbung hin meldete. Das Telefonat verlief freundlich-friedlich, der Frage nach dem Gehaltswunsch bzw. Tagessatz wich ich aus, der kurzfristige Kennenlern-Termin wurde gemacht.

Ankunft in der Agentur. Eine sehr, sehr junge unsichere Sekretärin weist mich an zu warten. Der Wartebereich liegt direkt vor den teilverglasten Besprechungsräumen.

Aus eben diesen ertönt cholerisches Geschrei, das eigentlich nur einem Chef zusteht. Es werden Schuldzuweisungen und sehr unreflektierte Kommentare über ein wohl soeben abgeschlossenes Projekt verteilt von diesem „Chef“, es ist alles sehr deutlich zu verstehen an meinem Platz. Ich ahne, dass ich in diesem Moment eigentlich wieder gehen sollte, denn gleich nach einem solchen emotionalen Ausbruch eben diesen“Chef“ zu einem lockeren Kennenlernen zu treffen ist…sagen wir…suboptimal. Ich bleibe.

Das Getöse endet, zwei Damen kommen zerknirscht aus dem Raum, gefolgt von einem stark erröteten „Chef“. Die Personalerin bittet mich in genau jenen Raum hinein. Sehr netter Smalltalk über das Umziehen von Köln nach Berlin, das sie wie ich auch gerade hinter sich hatte. Soweit also alles safe, wir verstehen uns. Dann kommt „Chef“ wieder rein, immer noch sehr errötet, um Freundlichkeit und nötige Geduld offensichtlich bemüht. Ich stelle mich vor,“Chef“ fällt mir ins Wort:

„Waaas, das kann man studieren!?“

Ja nun, ich habe ja ein Diplomzeugnis dieser Universität bekommen. Ich beginne mein Portfolio zu zeigen. „Chef“ unterbricht wieder, er kenne die Branche, er kenne die Agentur, in der ich vorher gearbeitet habe.

„Wissen Sie eigentlich, dass Sie von unserem großen Konkurrenten kommen?“

Was soll ich sagen, die Szene ist nicht groß, natürlich weiß ich es, ich ahne bereits Schlimmes…

„Wissen Sie, was man über Ihre Agentur sagt?“

Ich möchte es gar nicht wissen, es ist ja auch gar nicht mehr „meine“ Agentur. Er erzählt es mir trotzdem, es ist nicht besonders freundlich, ich hatte schon davon gehört, mir ist es aber egal. Er wartet mit verschmitztem Lächeln auf meine Reaktion. Ich zucke mit den Schultern, was soll ich dazu sagen, ich weiß ja, was die Agentur kann und v.a. was ich kann.

„Ist der Spruch denn bis zu Ihnen in alle Abteilungen durchgedrungen, haben Sie davon gehört?“

„Ja, ich habe davon gehört.“

„Und, wie haben DIE reagiert?“

Er wartet wieder auf meine Reaktion, ich sage etwas Neutrales und beobachte die Personalerin, die etwas verunsichert neben „Chef“ sitzt.

Ich fahre einfach fort, mein Portfolio vorzustellen.“Chef“ greift wieder ein:

„Das Projekt, das Sie da zeigen ist ja nur ein Pitch (Wettbewerb), denn den haben wir gewonnen, zeigen Sie mal, das entspricht ja überhaupt nicht der Marke (des Kunden), was Sie da gemacht haben!“

Aha, das ist nur Ihre Meinung…als Beweis genügt Ihm aber, dass wir ja offensichtlich das Projekt nicht gewonnen haben. Weiter. Nächstes Projekt.

„Schau mal (die Personalerin ist gemeint), wie DIE das machen!“

Dann lästert er wieder.

„Ha, das ist auch ein Pitch, das sehe ich gleich, solche absurden Renderings macht man nur für Wettbewerbe! Den haben sie aber sicherlich auch nicht gewonnen!“

Über allen Projekten in meinem Portfolio steht exakt vermerkt, welches Projekt in welchem Rahmen visualisiert wurde und wie weit es umgesetzt wurde. Ich erwähne das auch immer nochmals mündlich und erkläre auch sehr deutlich, was ich genau bearbeitet habe bei jedem Projekt. Es wird deutlich, dass er mein Portfolio gar nicht gelesen hat (was ich aber schon als normal empfinde) und auch nicht zuhören kann oder möchte. Er beginnt wieder, auf „meiner“ Agentur herumzureiten, bei der ich zu dem Zeitpunkt schon einige Monate nicht mehr gearbeitet hatte. Ich zeige inzwischen weitere Projekte, die in einem ganz anderen Rahmen entstanden sind, das bekommt er aber gar nicht mehr mit. Er redet sich in Rage und fängt an von sich und seinen Leistungen zu erzählen und wie er seinen Laden aufgebaut hat „aus dem Nichts“.

Kurz wird nun geklärt, was ich der Agentur alles anbieten kann als Designer. Ich bin dabei sehr deutlich, was ich mache und was ich nicht mache, um spätere Missverständnisse zu vermeiden (speziell bei cholerischen Typen…).“Chef“:

„Ich brauche Leute, die für mich arbeiten und mir zuarbeiten, ich mache die kreativen Konzepte und ich mache die Ansagen,… etc.“

Ich verstehe Ihn schon sehr deutlich, er erzählt aber weiter von sich. Ich fange sehr betont an, meine Mappe wieder einzusammeln und zusammenzupacken, stelle meine Tasche neben mich auf den Stuhl und balle unter dem Tisch die Hände. Es wird die deutliche Geste nicht bemerkt von ihm. Es kristallisiert sich endgültig heraus, dass er kein Teamplayer ist und mehr an meiner alten Agentur und deren Arbeitsweise und Diffamierung interessiert ist, als an mir. Er muss kurz hinaus, um zu telefonieren.

Die Personalerin, die die ganze Zeit keinen Ton gesagt hat, zu mir:

“ Warum sind sie so ehrlich, mit dem was sie machen und was sie nicht machen?“

Ich: „Damit es keine Missverständnisse gibt und sie mich nicht mit etwas beauftragen, das ich ihnen nicht liefern kann.“

Sie schaut mich an wie ein Auto. „Chef“ kommt wieder. Die Personalerin zeigt ihm einige Illustrationen und Zeichnungen von mir, nachdem ich daraufhin gewiesen habe, dass ich auch illustriere. Es kommt keine Reaktion, dann aber „Chef“ plötzlich:

„Was verstehen Sie unter einer guten Bühnen-Architektur?“

Ich erkläre es ihm, es nimmt ihm aber dummerweise den Wind aus den Segeln, denn offensichtlich habe ich ausnahmsweise dieselbe Auffassung wie er. Er ist nun offensichtlich verwirrt und guckt mir gar nicht mehr in die Augen, nachdem er auch vorher im Gespräch meinem Blick immer auswich. Nun geht es um den Tagessatz – ein ganz heikles Thema in Berlin. Ich erläutere meine Vorstellung, das Geschrei geht los:

„Chef“: „Ja, wenn sie ihre Villa in Dahlem abbezahlen wollen, dann müssen sie natürlich solche Tagessätze verlangen…! Und überhaupt, seien sie froh in Berlin zu sein, das ist ja die Stadt momentan, hier ist alles und jeder…was wollen sie denn noch in Köln…(usw.usw.usw.)“

Blablabla.

Die Personalerin: „Eben! Was ich an Berlin so toll finde als Personalerin, ist, dass man hier so tolle Gestalter für die Hälfte von dem bekommt, das man im Westen bezahlen müsste!“

„Chef“: „Also, da habe ich schon bessere Illustratoren gesehen, die machen das für die Hälfte! Oder die machen dann sogar gleich alles!“

Ich denke mir: Wie schön für sie, dann brauchen Sie mich ja gar nicht und ich kann endlich gehen. Wir einigen uns darauf, dass man ja über Preise reden kann.

„Chef“: „Normalerweise lassen wir eh die Leute erstmal bei einem Projekt Probe arbeiten!“

Das bedeutet in Berlin für den Preis eines U-Bahn-Tickets am Tag zu arbeiten. Mir reicht es, ich stehe auf und ziehe meine Jacke an, „Chef“ krakelt einfach weiter, die Personalerin sieht unglücklich aus.

Auf Wiedersehen, ich muss los, das Personal in meiner Dahlemer Villa wartet auf weitere Anweisungen, wir lassen gerade renovieren. Das Paradoxe ist, dass die Agentur so ähnlich wie „Ins Paradies“heisst – tja, wohl adequater wäre „Ins Pech“.

Ich studiere jetzt übrigens wieder – u.a. Management und Teambuilding…

It’s Tea-Time oder: Absage mal anders

Bevor es Neues von der hauseigenen Arbeitsfront gibt (Stichwort: Totwarterei) erneut mal etwas zum Thema „Absagen“ aus der Welt da daußen. Von Leserin S. Vielen Dank dafür und ab die Luzie:

[…] Naja, ich bekam ja dann leider eine Absage. Auf den AB. Aber immerhin genau an dem Tag, wo mir zugesagt wurde, dass ich die Entscheidung erfahren würde. Das fand ich großartig, dass man nicht wie so oft noch länger „hingehalten“ wurde. Als ich dann nochmals wegen eines Feedback in der Agentur anrief, meinte die Chefin es sei eine sehr knappe Entscheidung gewesen, ich hätte dort einen sehr positiven Eindruck hinterlassen.

Heute kamen dann meine Bewerbungsunterlagen zurück, und – was soll ich sagen? – ich war irgendwie gerührt, ja gerührt, von dem Begleitschreiben! Aber lest selbst:

„Liebe Frau….,

schade, dass wir zum Schluss nicht drei Kandidaten einstellen konnten, gehörten Sie doch mit zu unserer engsten Wahl!

Herzlichen Dank auf alle Fälle für die Mühe, die Sie sich mit Ihrer Bewerbung offensichtlich gemacht haben und Ihr Interesse, das Sie damit an (Firmenname) gezeigt haben.

Ich bin mir sicher, dass Sie bei Ihrer Qualifikation und Ihrem sympathischen Wesen schon bald eine Arbeit finden, die gut zu Ihnen passt und Ihnen Freude bringt.

Ich wünsche Ihnen ganz viel Glück und vielleicht arbeiten wir ja zu einem anderen Zeitpunkt einmal zusammen.

Alles Liebe für Ihre Zukunft!

Und der besondere Clou: An das Schreiben war ein Teebeutel von Alnatura geheftet, auf dem steht „Glücks Tee“!!!! Das finde ich mal richtig lieb und auch originell.

Das finde ich auch. Schon klar, dass das nicht immer so aussehen kann und muss, aber das ist doch mal was Schönes zwischendurch. Baut auch wieder auf und gibt Kraft zum Weitermachen.

Die Agentur für Arbeit und ich – Eine Dramödie in drei Akten

Unser Freund und Leser ähm öhm Freddy Kruger hat uns mal ne nette Geschichte wie sie das Leben schrieb öhm gespendet. Let’s go:



Akt 1 – Das Leben sagt „Fick dich“ und das Amt macht mit.
Es fing alles damit an, dass der Arbeitsmarkt sich entschlossen hatte,  mir einen überdimensionierten FUCK-Finger zu zeigen und die Agentur für Arbeit mich in ihre unmütterlichen Arme aufnahm. Ich bin zwar generell kein Familienmensch, aber bei solch einer Mutter würde ich mich sogar selbst nachträglich abortieren.
Die Sachbearbeiterin – wie nennen sie mal Frau X – war nett, aber das war es auch im Groben schon. Okay, sie fand meine Idee die böse doppelmoralische Medienwelt hinter mich zu lassen gut und war deshalb auch einverstanden mir eine  sechs Monate dauernde Weiterbildung zum… – tja zum was eigentlich? Ach, sagen wir – PR-Fuzzi über das Amt finanzieren zu lassen. Na, immerhin. Über den Sinn und Unsinn dieser Weiterbildung sollen sich Philosophen und Admiräle streiten, ich nicht.  Als  sich mir dann während der Weiterbildung eine Möglichkeit auf eine Praktikumsstelle im Bereich Öffentlichkeitsarbeit auftat, tat sich aber auch gleich der höllengleiche, dunkle Abgrund der Agentur auf. Frau X war so gar nicht begeistert davon, dass ich das auf Staatskosten angeeignete Wissen auch sinnvoll direkt im realen Leben anbringen wollte.  Meine Argumentation  und der Versuch die Dame mit Charme und Fakten zu bezirzen war wie folgt: „Ich bin ja jetzt auch ganztags in der Weiterbildung und versuche eine Anstellung zu bekommen.“ Da wäre ja kein Unterschied zu einem Praktikum, dachte ich. Doch dann schellte mir Frau X ihre Antwort ebenso lapidar, wie auch wirksam wie eine Ein-Personen–Bombe um und in die Ohren: „Sie sehen ja, wie erfolgreich sie damit sind.“ Ich pfefferte nur ein wenig freundliches „Nicht  erfolgloser als Ihre Vermittlungsbemühungen!“ entgegen und beendete das Gespräch.  Ich durfte dann einen ganzen Monat ein Praktikum machen. Wahnsinn, oder? Und was dann? Ja, nix dann.  Weiter arbeitslos. Schöne Scheiße. Der Abtrieb lieferte sich einen intensiven Wettkampf mit der Hoffnung. Dummerweise war das Wettkampfmotto „Wer verschwindet am schnellsten?“
Es tat sich nichts, zumindest nichts Gutes. Die glorreich gefassten Pläne, die unfreiwillig gewonnene Freizeit mit sinnvollen Dingen wie Sport etc. zu füllen, war so erfolgreich wie die Gesichtscreme von Ben Teewags Mami. Man stürzt sich mit Hoffung und Erwartung daran und zurück bleiben Narben und ne verpickelte Fresse.  Danke Uschi.

Doch die Pickelfresse ist ein Traum gegen das, was dann die Idee der Selbstständigkeit mit sich zog.

Akt 2 – Das Problem mit den Tagen…. und warum ich Blut sehen wollte
Obwohl ich eine klar erklärte Leidenschaft für bluttriefende Geschichten in mir trage, folgt obgleich des Titels keine Geschichte über menstruelle Ausartungen. Es geht weiter um die allseits beliebt Agentur für Arbeit.
In der fließt zugegebener Maßen viel zu wenig Blut. Zumindest in der Realität. In den Gedanken der „Kunden“ haben sich mit 101%iger Sicherheit schlimmere Szenen abgespielt, als die Inquisition vorgelebt und de Sade sich hätte ausdenken können. Und die Opfer saßen ihnen immer gegenüber. Und ich hatte diese Gedanken auch. Mehrfach. Immer wieder und endlos blutig. Schuld daran, war die Idee, dass ich mich ja auch selbstständig machen könnte. Ich hatte schon genügend Chefs die ich nicht leiden konnte, warum also nicht einen, den ich wenigsten schon lange kenne?

Frau X von der Agentur für moderne Foltermethoden, war zu meiner Überraschung Feuer und Flamme für dieses Projekt.  Voller Eifer schmiss sie mir ein paar Infos an den Kopf. Dummerweise nicht notwendigerweise die richtigen.
Jedenfalls fand ich mich dann einige Zeit später in einem Existenzgründerseminar wieder. Abgesehen von Sex mit Frauen habe ich wohl nie etwas Sinnloseres hinter mich gebracht.  Aber wie beim Sex mit Frauen kam eine Erkenntnis über mich. Aber diesmal hatte es nichts mit Dingen, die man mit Männern machen kann, zu tun, sondern mit der Tatsache, dass ich eine ganz elementare Fehlinformation in meinen cerebralen Windungen mit mir herum spazieren führte… und das Problem mit den Tagen hatte seine Geburtsstunde. Ich erlag er Information, dass ich den Antrag auf geförderte Selbstständigkeit erst dann stellen könne, wenn ich weniger als 90 Tage Restanspruch auf ALG1 habe.  Das ist natürlich genauso ein Schwachsinn wie die Annahme, dass  Doku-Soaps im TV ohne Skript seien.

Ich also mit hektischen Flecken übersät Frau X eine Mail geschrieben, auf die sie sich auch direkt den nächsten Morgen telefonisch mit meinem Sprachzentrum in Verbindung setzte. Ich erklärte den Missstand und ohne auch nur den Ansatz einer Beschuldigung in ihre Richtung gemacht zu haben, flogen mir schon aggressive Entlastungsbehauptungen ihrerseits entgegen. Guten Morgen auch. Meiner hektisch durchtränkten Panik konnte sie aber nicht wirklich etwas entgegen setzen und versuchte mich mit folgender Information zu beruhigen: „Sie haben doch noch 119 Tage Restanspruch.“ NOCH? Geht’s noch? Ich hab doch null Plan, muss mir ein Konzept überlegen, einen Businessplan schreiben,  Kontakte knüpfen, etliche Sachen abklären und und und… NOCH? Ja nee, is klar.

Zwei Tage später saß ich bei Frau X im Büro um mit ihr die bestmögliche Vorangehensweise zu besprechen.  In diesem Zuge bekam ich die Info ich hätte noch 119 Tage Restanspruch. Moment? 119 Tage? Schon wieder? Immer noch? Oder was? Egal. Hab mir nix dabei gedacht.  Jeder kann sich ja mal irren, versprechen oder was auch immer.

Schnitt. Vorgespult. Etwas über zwei Wochen später. Konzept erstellt. Businessplan geschrieben und auch von offizieller Seite aus für tragfähig erklärt. Alles sah so richtig gut aus und ich hatte mittlerweile auch eben solchen Bock durchzustarten. Aber das Leben wäre nicht das Leben, wenn es nicht noch eine Jauchegrube finden würde in den es einen schubsen kann. Und diese Jauchegrube hörte (wieder einmal) auf den Namen“ Agentur für Arbeit“. Was auch sonst?

Montag, Morgens: Ich wollte den Businessplan und Antrag auf geförderte Selbstständigkeit abgeben. Den Businessplan wollte ich auf dem Weg zum Amt ausdrucken lassen. (Meine Drucker hatte seine Tage. Die Tinte war ausgelaufen). Dummerweise hatte ich weder Geld, noch EC-Karte dabei. Dummes Ich. Frau X wollte den Antrag nicht annehmen, da die Unterlagen ja nur mit dem Businessplan vollständig seien. Okay, Kann ich verstehen. Mein Fehler. Bis Morgen.

Dienstag, morgens: Businessplan ist ausgedruckt, Antrag auch dabei. Ab zum Amt. Frau X nimmt alles entgegen, schaut erst die Unterlagen und dann mich ganz verdaddert an und sagt: „Und wo ist die Gewerbeanmeldung?“  Wieso fehlt denn bitte noch etwas? Gestern hieß es doch ohne Businessplan sei es nicht vollständig. War ja auch dumm von mir anzunehmen, dass es mit Businessplan vollständig gewesen wäre.  Aber was denn für eine Gewerbeanmeldung? Erstens bin ich kein Gewerbe und zweitens weiß ich davon nix. Unwissenheit schütz vor Folter durch die Agentur für Arbeit nicht. Ergo: Ohne Meldung beim Finanzamt, wird der Antrag nicht angenommen. Ich also in die Bahn. Zum Finanzamt und mit dem netten Sachbearbeiter – Ungleich zur Agentur für Arbeit ist beim Finanzamt Unfähigkeit und Unfreundlichkeit scheinbar kein verpflichtendes Einstellungskriterium – die Anmeldung fertig gemacht und auch gleich bescheinigt. Mit der Bescheinung zu Frau X. Unterlagen abgegeben. Endlich. Darauf ein Dujardin. Denkste.

Dienstag, Nachmittags: Handy klingelt. Anrufer unbekannt. Meine Mutter? Nee, noch schlimmer: Frau X. Mit erfolglos versuchter Engelsstimmenimitation gurrte sie: „Ich habe gerade Ihren Antrag bearbeitet und es ist ein Problem aufgetreten.“ Ein Problem? Na, das ist ja mal was ganz Neues. „Bei dem Termin (01.06) zu dem Sie sich als Selbstständiger gemeldet haben, haben Sie nur noch 89 Tage Restanspruch.“ BITTE? Ich glaub es hackt. „Sie hatten mir vor etwas über zwei Wochen was von 119 Tagen erzählt, das passt rechnerisch mit Ihrer jetzigen Aussage so gar nicht zusammen.“ „Keine Ahnung, jedenfalls hat der Computer das so ausgerechnet.“ Ah, der Computer ist schuld. Na der kann sich ja auch nicht wehren. „Okay dann melde ich mich beim Finanzamt eben zum 31.05 als selbstständig.“ Als dann nur ein „Na, wenn Sie meinen das reicht.“ in mein Ohr kullerte, dachte ich wirklich, dass sich so langsam das Team von „Verstehen Sie Spaß?“ mal zeigen könnte. „Frau X, 89 Tage und 90 Tage ist ein Tag Unterschied. 01.06 und 31.05 ist auch ein Tag Unterschied. Zumindest in meiner Zeitrechnung.“ Ich konnte ja nun nicht ahnen, dass die Agentur für Arbeit in einer anderen Zeitzone existiert. Oder sogar Dimension? Egal.

Mittwoch, Morgens: Der freundliche Sachbearbeiter beim Finanzamt fragte sich mit mir im Chor, ob denn die Leute bei der Agentur für Arbeit nur dafür da seien, unnötige Arbeit zu produzieren, anstatt wirkliche zu vermitteln. Nach einigen Fluchattacken wurde ich nun also einen Tag vorverlegt und das Ganze wurde auch wieder bescheinigt. Allerdings mit dem Zusatz meines Sachbearbeiters, dass wenn Frau X jetzt noch irgendetwas zu meckern hätte, sie sich direkt an  ihn wenden solle. Er würde mir jetzt keine weiteren Bescheinigungen ausstellen. Dramaturgischer Hinweis: Wenn der gewusst hätte, was dieser Satz noch an Bedeutung gewinnen soll. Oh hauer ha. Aber erstmal weiter im Text. Ich zu Frau X. Die nimmt die Unterlagen erneut entgegen. Nickt alles ab und ich freue mich dieses Chaos hinter mich gebracht zu haben. Von Wegen….

Donnerstag, Nachmittags: Handy klingelt. Anrufer unbekannt. Ich nehme natürlich automatisch an, dass es sich um meine Mutter handelt, denn sie eigentlich die Einzige ohne Ruferkennung. Schön wär’s gewesen: Frau X.
Betreten gibt sie von sich: „Sie wollen mich bestimmt gleich umbringen…“ Warum warten? „…aber es gibt schon wieder ein Problem.“ Meine Nerven machen einen Abgang, wie ein Gastritispatient nach `nem feurig-scharfen Chili Essen. „Sie haben noch nur 89 Tage Restanspruch.“ Hieß es nicht, dass es ein Fehler in der Matrix ist, wenn man ein Déjà-vu erlebt? „Es tut mir Leid, aber der PC hatte wohl einen Fehler in der Berechnung.“ PCs machen keine Fehler, nur die Anwender. „Ich habe es extra mit einer Kollegin überprüft. Aber sie müssen sich zum 30.05 als Selbstständiger melden. Ansonsten können Sie keine Förderung beantragen.“ Die Tatsache, dass der nette Sachbearbeiter schon geäußert hat, dass er mir keine weitere Bescheinigung ausstellen wird und er sich erbeten hat, dass sich Frau X mit ihm direkt in Verbindung setzen möge, ignoriert Frau X genauso, wie die Tatsache, dass Freitag der letzte Tag ist, meinen Antrag einzureichen. Panik. Nervenzusammenbruch und eine getilgte Flasche Wein mit darauf folgender Schlafunfähigkeit bestimmen mein Abendprogramm.

Freitag, morgens: Ich sitze ein halbe Stunde vor offiziellen Bürozeiten schon vorm Büro meines Sachbearbeiters. Sein Bürokollege bekommt das mit und ruft mich ins Büro. Ich erkläre ihm die Situation, aber erinnerte sich an die Worte seines Kollegen und auch er wollte mir keine neue Anmeldung und dazugehörige Bescheinigung ausstellen. Auch er hat angeboten, dass sich Frau X gerne mit ihm in Verbindung setzen könne.
Peng. Der letzte Nervenstrang riss, die Dämme brachen und ich schaute ihn nur noch stoisch an, während mir die Tränen über die Hackfresse kullerten. Ich versuchte ihm klar zu machen, dass ich unter anderen Umständen gerne mit ihm zusammen zur Agentur fahren würde, Frau X festhalten und ihn zuschlagen lassen würde, aber dass ich eben heute die letzte Möglichkeit habe, diesen Antrag einzureichen. Und ohne diesen Antrag keine Förderung. Und ohne Förderung keine Selbstständigkeit. Und ohne Selbstständigkeit bliebe als letzter Schritt nur noch der unausweichliche „Urlaub im Hartz“. Er hatte ein Einsehen, bescheinigte mir das neue Datum und meinte noch freundlich und aufmunternd: „Aber lassen Sie das nicht meinen Kollegen wissen.“ Erleichtert und mit der Bescheinigung bewaffnet machte ich mich auf zu Frau X.  Weit bin ich nicht gekommen. Da ich Blindfisch mal wieder auf alles Andere nur nicht den Weg geachtet habe, bin ich voller Wucht in jemanden rein gerannt. Und in wen? Richtig! Meinen Sachbearbeiter. Dem musste ich das ganze Drama auch noch mal darlegen. Hätte man im Duden nach der Beschreibung für „Aggressionen ausgelöst durch Unverständnis“ nachgeschaut hätte man wohl sein Foto als Erklärung gefunden. Er musste bewundernd anerkennen, dass ich Frau X noch nicht mit einer Pumpgun erledigt habe – ich fand mich in dem Punkt auch echt bewundernswert – und ließ mich ziehen.
Wieder bei Frau X, versuchte sie mit übertrieben Entschuldigungsarien ihre geistige Umnachtung oder auch Unfähigkeit und das dadurch ausgelöste Chaos zu mildern. Fehlversuch. Ich war hundsgeladen und hätte ich noch Nerven gehabt, mit selbigen am Ende. Antrag abgegeben. Zehtausendfache Beteuerung von Frau X, dass jetzt ja nun auch alles richtig sei und seinen entsprechenden Lauf nehmen würde.
Da ich, aus bekannten Gründen, diesen Beteuerungen so sehr geglaubt habe, wie der Tatsache, dass Amy Winehouse keine Drogen nimmt, wollte ich dafür eine weitere Absicherung. Nach einer kleinen Diskussion, in der ich unterschwellig meinen Aggressionen in verbaler Form Hofgang gewährt habe, fand ich – in unerwünschter Begleitung von Frau X – den Weg zu der zuständigen Sachbearbeiterin der Leistungsabteilung. Die bestätigte, dass nun alles fein sei. Das war der Moment, wo ich mich wohl hätte freuen sollen, aber ich fühlte mich dennoch wie ausgekotztes Labskaus. Mahlzeit.

Akt 3 – Von der Jauchegrube zu Jauch
Erstaunlicherweise war dieser Freitag auch der letzte Besuch beim Amt und es hat wirklich alles seinen geregelten Lauf genommen. Die Förderung wurde bewilligt und ich hab mich in die Selbstständigkeit gestürzt. Die fing dann ja auch offiziell direkt einen Tag später an. Mittlerweile haben sich meine Nerven aus der Betty Ford Klinik zurück gemeldet und ich habe den Weg zurück in die Medienbranche angetreten. Mit der Produktionsfirma von Günther Jauch habe ich einen genialen Auftraggeber für den ich eine neue TV-Sendung redaktionell mitbetreue. Als selbstständiger, freier Mitarbeiter. Kann es besser sein? Nein! Okay ich würde `nen Lottogewinn durchaus zu schätzen wissen….
Unterm Strich kann ich sagen, dass der Weg dahin die Hölle in Tüten war, aber es hat sich gelohnt und ich bin froh, diesen Weg gegangen zu sein.

Wie haben die Onkelz [Ja, ich zitiere Onkelz. Die Politisch-Überkorrekten mögen bitte jetzt mit ihren Wattebäuschen werfen.] so schön gesungen: „Man muss wohl erst ganz unten sein, um oben zu besteh’n, bis zum Hals in Scheiße steh’n um wieder Land zu sehn, um Land zu seh’n.“ Stimmt!

Freddy Kruger heißt eigentlich Nici. Traut sich auch mal hier voll seinen echten Namen zu sagen. Hat voll keine Angst davor, dass danach alles ganz schlimm wird und er überhaupt gar keine Arbeit mehr hat. Der Medienmensch, ooch, oder gar Medienfuzzi macht in Redaktion beim Privatfernsehen. Eigentlich wollte er ja da weg, aber jetzt ist er wieder da und findet es prima. Mehr Text aus seinem Hirn gibt es hier:

http://www.durchsaugeinshirn.blogspot.com