Die traurige Wahrheit über das jähe Ende der so called Weiterbildung

Wie es so ist, auf dem Höhenflug Komödie „Weiterbildung“, als es eigentlich fast vorbei und gegessen war, passierte das Unfassbare. Einer unserer Mitschüler nahm sich das Leben. Ich muss diesen Fakt einfach schnell vorweg nehmen. Seit Monaten quält mich diese ganze Geschichte nun schon.

Tja, mir fehlen auch ein paar Monate danach einfach die Worte. Aber man kann es nicht anders beschreiben, als das dieser junge Mann am Druck der Gesellschaft zerbrochen ist. Die Tatsache aber, dass innerhalb dieser „Maßnahme“ ein enormer, künstlicher und völlig verzerrter, zusätzlicher Druck aufgebaut worden ist, war anscheinend einfach zu viel.

Das alles, mag man nun denken, das kann passieren. Leider war jenes Institut, an dem man uns diese falsch ausgerichtete Weiterbildung ableisten ließ, nicht in der Lage diesen Gau richtig zu managen. In der Nacht in der sich das Unglaubliche ereignete, versuchte der Gute mich nämlich mehrmals zu erreichen. Per Telefon. 16 Anrufe in Abwesenheit. Als er sich am folgenden Tag nicht meldete, schrieb ich eine Mail hinterher. So burschikoser Rosenstyle, nach dem Motto, es muss immer weitergehen. Doch es kam keine Antwort.

Es war ein Mittwochmorgen, sehr sommerlich. Der Himmel war blau. Neun Uhr ist es gewesen, als ich meine Mails abrief. Und da stand es dann. Es kam von seiner E-Mail Adresse. Aber es war seine Schwester. Sie schrieb mir, er könne nicht mehr antworten, da er sich das Leben genommen habe. Und sowas per E-Mail. Manchmal verfluche ich das digitale Zeitalter auch.

Meine Güte, was war ich wütend! Mir fiel nichts besseres ein als in meinem Schock meinen Bruder anzurufen und durch das Telefon zu brüllen „Der Japanologe hat sich umgebracht“. Japanologie, ja das hatte er studiert. Mit 1,8 Durchschnitt und er lebte irgendwie in dem Glauben, das sei total schlecht. Mein trauriger Japanologe. In meiner Fassungslosigkeit dachte ich mir dann irgendwann, ich ruf jetzt mal da im Lernladen an und frage, wie wir damit umgehen. Das Ende von Lied war, dass man der unter Schock stehenden Anruferin, moi, einreden wollte, es sei doch besser, dem Rest des Kurses besser mal nichts davon zu sagen. Für einen Laden, der sich mit Weiterbildungen im Bereich der Kommunikation brüstet, das Letzte. Aber wohl entstanden aus Unwissenheit und Schock. Was weiß ich, es war bitter. Unanständig und bitter. Da kann man wirklich schreiben: Ich war in meinen Grundfesten erschüttert.

Somit stürzte ich in eine 72 Stunden lang anhaltende Sinnkrise, in der ich mich frage, ob man von mir verlangen kann, eine Gruppe zu belügen, die in sechs Monaten doch Freunde wurden.

Die Antwort ist ganz klar: Nein. Wir brauchen gar nicht mehr lange um den Brei herumzureden, es endete im totalen Chaos. Der Rest Kurs erfuhr es durch einen Zufall des Schicksals von ganz alleine. Aber das war noch nicht genug. Die größte Leistung des Ladens war, sich auch direkt mal eine Krisenintervention zu sparen. Warum drüber reden, ist doch besser, sie machen da mal bisschen HTML4 Newsletter und lenken sich ab.

So trug ich dann vier Wochen später den Japanologen mit zu Grabe. In einem Friedwald. Unter einen Baum. Mit weinenden Eltern und Omas und Tanten an meiner Seite. Menschen, die ich gar nicht kannte, aber mit denen mich etwas verbindet, was mich unheimlich erschüttert hat. Aber das war das Mindeste, was ich tun konnte, ihn bei blauem Himmel und Sonnenschein der Erde zu übergeben. Ich kannte ihn nur sechs Monate und ich habe lange nicht mehr jemanden getroffen – oder noch nie – der so Angst vor dem Leben hatte. Und das so offensichtlich. Weil er mir in mehreren Momenten von seiner Angst erzählte, versuchte ich wirklich mit meiner rauen, aber lieb gemeinten Art, ihm die Freude am Dasein zu zeigen. Mit aller Verrücktheit die ich zu bieten hatte. Aber es hat nicht gereicht.

Dem Ganzen die sprichwörtliche Krone aufgesetzt hat allerdings das Verhalten des Institutes, das emotionale Chaos danach im Kurs und das Entsetzen über all die Kälte, die sich dort offenbarte. Das Versagen einer Institution live und in Farbe. Traurig, aber wahr. Bis heute weiß ich, dass es Signale gab, die nicht zu übersehen waren und ich sage auch bis heute, habe ich eine irgendwie pädagogische Aufgabe als Institution, dann muss ich so empathisch sein und merken, wenn ich Menschen in Kursen habe, die Probleme haben. Denn schließlich sind es doch Arbeitslose, die man in einer sechs Monatsscheinwelt unter künstlichen Druck setzt. Das sollte ich vielleicht mit dem ein oder anderen sein lassen. Dafür bin ich doch Pädagoge, oder? Fragen über Fragen.

Wochenlang saß ich dann da, wälzte soziologische Studien zum Thema Selbstmord und versuche meine Schuldgefühle und meine Fassungslosigkeit irgendwie zu bändigen. Es sollte fast vier Monate „extra“ dauern.

An einem Tag irgendwann zwischen all diesem Wahnsinn saß ich dann am Küchentisch und dachte darüber nach, ob es vielleicht nicht am besten wäre, ein Seegrundstück in Nova Scotia zu kaufen. Neulich hatte ich in einer Home und Garden Zeitung bei den Kleinanzeigen so etwas entdeckt. Seegrundstück in Noca Scotia zu verkaufen. Ja, das wäre es. Da könnte ich dann zu meinen Inuit Freunden an den Strand laufen und ihnen dabei zuschauen, wie sie einen Pottwal explodieren lassen.

Nachdem dies alles passierte, wollte ich nicht mehr. Nicht mehr arbeiten. Auf gar keinen Fall als „normale Angestellte“ und schon mal gar nix mehr mit Medien. Schnauze voll. Drei Monate beschäftigte ich mich ernsthaft mit dem Gedanken, auf meine alten Tage alles über den Haufen zu schmeißen.Medizin zu studieren und als Dr. House ähnliche grumpy Psychologin Kriseninterventionsberatung zu machen. Ich war so fertig mit den Nerven und so entsetzt von der gesellschaftlichen Kälte die aufgrund dieses Geschehens durch die Institution spürbar geworden war.

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