Zwei Klassen. Gesellschaft. Auch in der Bildungsindustrie.

Aktuell stelle ich mir die Frage, ob es ein Skandal ist, oder ob es nur so eines von diesen traurigen, aber nicht Lebensgefährlichen Middle Class Dramen ist. Was? Also, ja, was eigentlich. Fangen wir ganz vorne an. Das Institut, welches der Träger der Weiterbildung „Online Redakteur Social Media New Media“ ist, verbietet (das klingt so bescheuert, ich weiß) den Teilnehmern das parken des eigenen PKW’s auf den Parkplätzen des Institutes. Was ziemlich bescheuert ist, denn das Institut steht in einer der krassesten „Parkschein only Zonen“ der Domstadt. Grundsätzlich ist es logisch, dass nicht alle Teilnehmer mit dem eigenen PKW anreisen können und würden, keine Frage. Es ist ja auch nur ein Bruchteil. In unserem Kurs: Zwei.

Einer dieser Bruchteile ist eine Dame, die jeden Morgen aus Belgien angefahren kommt. Belgien ist ja nun nicht mal eben um die Ecke, nicht wirklich. Es sieht nur so aus. Sie kommt also jeden Morgen diese Ochsentour gefahren und landet dann in der Only Parking Zone. Was also tun? Klar, man zahlt ja für diese Weiterbildung um die 5.500 Euronen, da kann man ja wohl denken, da dürfe man auch mal parken.

Nee, ist nicht. Teilnehmer von Weiterbildungen, die nicht Berufsbegleitend hier rumhängen, dürfen nicht parken. Teilnehmer von „Berufsbegleitenden“ haben einen „Anspruch“ auf einen Parkplatz. Das hat einen seltsamen Umkehrschluss und gleichzeitig ein Geschmäckle. Denn, heißt es im umgekehrten Sinne, dass alle, deren Weiterbildungen vom Staat finanziert werden, ergo, Arbeitslose, nicht parken dürfen. Der Arbeitslose hat genug Zeit für Park and Ride. Das wurde uns nicht so deutlich gesagt, aber es tanzte zwischen den Zeilen. Das Argument, mit Park and Ride dehne sich die Anreisezeit auf bis zu fast 3 Stunden pro Strecke, zählte gar nicht. Es kam dann die Antwort, dass sei doch noch im Bereich des „erträglichen“.

1. Pendlerzeiten von fast 6 Stunden am Tag sind absoluter Schwachsinn, und nicht erträglich. Übertragen wir das jetzt mal auf deren Vorstellung von „Arbeit“, dann heißt das, man soll doch bitte am Tag sechs Stunden durch das Land fahren um am Ende 8,5 Stunden das Bruttosozialprodukt anzukurbeln.

2. Die Weiterbildung wird bezahlt, ergo, könne man auch etwas Service den „Kunden“ der Arbeitsagentur bieten, da es noch nicht mal billigen Filterkaffee auf’s Haus gibt und man den Teilnehmer nur eine krasse 30 Minutenmittagspause in einem neun Stunden Block gönnt, könnte man ja mal darüber nachdenken, ob das parken eines belgischen Autos einer Teilnehmerin wirklich der Weltuntergang ist

Fakt ist: Wer hier eine Weiterbildung macht, die vom Staat bezahlt wird, darf nicht hier parken. Man soll doch bitte den Wagen irgendwo im Umland abstellen und dann auf die ÖPNVs umsteigen. Großartig! Wer soll das bezahlen? Hat jemand das Institut mal daran erinnert, dass Arbeitslose nicht 100% ihres Lohns als Arbeitslosengeld bekommen sondern nur knapp 60%? Und ich denke, es ist auch keine Lösung, dass das Arbeitsamt dann Stellplätze in der Nähe des Institutes zahlt. Für 5.500 Takken kann man doch mal jemanden da parken lassen?

Vor allem, weil die Berufsbegleitenden ja parken dürfen. Die dummen Arbeitslosen, denen man aber krampfhaft hässliche Designs für Lebensläufe in den Kopf kloppt, die sollen bitte noch stundenlang Bahn fahren, nachdem sie stundenlang im Pendlerstau standen. Was solls.

Ein ganz besonderes Geschmäckle hat es, weil die Kurskollegin aus Belgien auch noch „Selbstzahlerin“ ist. Sie muss wegen umständlicher EU Bestimmungen nämlich das Ganze selbst zahlen. Jahrelang in Deutschland gearbeitet, aber in Belgien, da gibt es sowas nicht. Weiterbildungen für Arbeitslose. In Belgien kümmert sich der Staat erst nach 12 Monaten um Arbeitslose, „Maßnahmen“ gibt es dort nicht in der Form. Also zahlt sie diesen Kurs selber. „Europa“ gibbet nämlich nicht mal auf dem Papier, das ist nur eine verquere Idee aus Köpfen, derer, die in Brüssel arbeiten und EU spielen.

Gestern, da hat man sie abgemahnt. Parkt sie noch einmal auf einem Institutsparkplatz, „fliegt sie raus“. Wow! Was für ein großartiges Verhalten! Wie KUNDENORIENTIERT! Zweiklassen Gesellschaft innerhalb des Weiterbildungssektors. Die guten, die Arbeit haben und selber zahlen und die schlechten, die Arbeitslosen, denen der Staat das zahlt. Die kann man ja mit Füßen treten und zwingen, den ganzen Tag mit Bus und Bahn unterwegs zu sein, dass man dann KZ Knast Aufsehermäßig in drei Durchläufen die Anwesenheit prüft.

Apropos Anwesenheit: Entweder Du stirbst selber oder hast eine tödliche Krankheit. Was anderes ist kein „wichtiger persönlicher Grund“ um zu fehlen. Und sowieso, „Bitte legen Sie Arzttermine so, dass sie vor oder nach der Seminarszeit liegen. So wie sie es in Arbeit machen würden, sie möchten ja nicht, dass ihre Arbeitszeit von so etwas belastet wird„. Cool, ich suche jetzt mal Arztpraxen die vor 7 Uhr und nach 20 Uhr offen haben, damit das in die verquere Vorstellung der Realität derer hier, die sich Institutsleitung schimpfen, herein passt.

Und sollte die Welt wirklich so eine werden oder sein, wie man sich das hier zusammen träumt, dann bitte ohne mich. Ich verweigere mich. Absolut. Come as you are. Und nicht einen Millimeter anders.

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