Was noch übrig war.

Thema: Älterwerden. Machen wir auch. Jeden Tag.

Unveröffentlichtes aus der Feder von Lange und Jakobs. Ursprünglich auch für die Scroll Edition. Aber nicht „gelaufen“. Ach, wir laben uns weiter im medialen Nuttendasein und verteilen Kusshände.

Die Sache mit dem „Älterwerden“ Als ich noch klein war, so neun oder zehn, da feierte meine Tante ihren 30. Geburtstag. Es war eine schnöde Veranstaltung in einer noch viel schnöderen Einliegerwohnung irgendwo im Sauerland. Es regnete natürlich und ich erinnere mich noch vage an den Nippes in der Wohnung der Tante. Sie war halt fürchterlich alt. 30. Dreißig. Igitt. Und so sah sie da auch aus. Schaue ich mir Bilder von Leuten an, die heute 30 sind und Leuten die Ende der Achtziger 30 waren, dann sind das verschiedene Welten. Damals, als ich Kind war, dachte ich, wenn man 30 ist, ist alles vorbei. Vielleicht lag es auch daran, dass alle Tanten, die mit 30 irgendwelchen Nippes sammelten, rasch das nächste Level bestritten: Das eigene Haus.

Nun bin ich selber 30. Und es war eigentlich nicht schlimm. Nicht die Woche davor. Nicht die Woche danach. Also, nicht wirklich. Am schlimmsten waren eigentlich die nervigen Fragen der anderen. „Ist es schlimm?“ und „Wie geht es Dir jetzt?“ bis hin zum total doofen „Jetzt gehörst Du auch endlich dazu“. Ja, wozu denn bitte?

Ich bin jetzt also 30. Ich sammel‘ zwar auch irgendwelchen Mist, aber weder Kühe noch Leuchttürme. Ich trage keine Dauerwelle wie die Tante damals und sowieso habe ich das leichte Gefühl heute ist man mit 30 gar nicht dazu verpflichtet, so alt zu sein, wie meine Tante es damals war. Oder vielleicht doch. Ich weiß es einfach nicht.

Was muss man mit 30 so alles auf die Kette bekommen haben? Ich habe keinen Bausparvertrag mehr, habe ich mit Mitte 20 für Unsinn ausgegeben. Ich habe immer noch keinen Führerschein, ich denke, man braucht so was nicht. Ich bin auch ohne Führerschein bis Taiwan und zurück gekommen, alles gar kein Problem. Fliegen wie S-Bahn fahren und so weiter. Sollte ich nicht vielleicht so einen Ordner haben, in dem ordentlich sortiert meine Bescheide der Rentenversicherung abgeheftet sind? Nein, habe ich immer noch nicht. Ich habe es kurz vor dem Tag der Tage mal geschafft, mich von Altlasten zu trennen und wichtige Dokumente auf einen Haufen zu legen. Das ging in etwa so: Müll, Müll, Müll, wichtig. Als es daran ging, den ganzen Kram chronologisch zu sortieren, habe ich einen kleine Krisenanfall bekommen und mich damit abgelenkt, mir meine „Mein kleines Pony“ Sammlung anzuschauen. Es sind exakt drei Ponies, die ich vor einigen Jahren einmal in Maastricht in einem Spielzeugladen erworben hatte. Da war ich so 27 oder so. Soviel dazu.

Vier Wochen vor meinem 30. fand ich mich übrigens auf einem Flohmarkt wieder und kaufte Kinderhörspiele zurück, die ich im ersten Anflug von Kapitalismus und Marktwirtschaft im Alter von etwa zehn Jahren selbst einmal verkauft hatte.

Älter werden. Wie ist das nun also? Ging es mir schlecht? Nein, nicht wirklich. Ich hatte zwar eine kurze Krise von knapp acht Stunden, in denen ich allen mitteilte, ich sei fünf Jahre alt und würde bitte gerne ein Pony zum Geburtstag haben wollen. Als ich dann am morgen des 30. Geburtstages wach wurde, war überhaupt nichts passiert. Es war in etwa wie an meinem 18. Geburtstag. Da ist auch nix passiert. Ich saß damals mit ein paar Hip Hop Freunde auf meinem Zimmer und es gab einen Kasten Bier. Großartig. Gähn. Nun also 30. Und nichts ist passiert. Die Rentenbescheide liegen nun in einer Kiste. Daneben liegen die Ponys aus Plastik aus den Niederlanden. Und die stehen jetzt in einem Haus. Ja, das ist vielleicht das Einzige, was sich geändert hat: Wir wohnen jetzt in einem Haus mit Garten und ich spiele etwas „Erwachsen sein“. Ob ich es nun endlich bin, weiß ich immer noch nicht.

Wie meinte mein Arzt eine Woche bevor der Tag kam, an dem ich angeblich die Verwandlung meines Lebens erfahren sollte? Mit 30 geht erst alles richtig los. Zum guten Ende fällt mir nur noch ein, dass ich gestern in irgendeinem Fernsehinformationsmagazin hörte, dass Europäische Frauen sowieso mindestens 90, wenn nicht gar 100 Jahre alt werden. Heutzutage. Herjee, dachte ich, zwischen all den Gedanken über das Älter werden, da habe ich ja noch so zwischen 40 und 60 Jahren vor mir. Daher, kein Grund zur Panik. Das Alter kommt mit dem Alter und tut nicht weh. Vielleicht merkt man es erst hinterher. Oder alle 25 Jahre. Eines hat sich verändert, mit diesem magischen 30. Geburtstag: Ich nehm‘ Altersangaben nun nicht mehr so ernst. Egal ob 20 oder 30 oder 40, Hauptsache ich bekommt irgendwann dieses Pony. In echt.

©Rose Jakobs


Die große Vier klopft an – Soll ich aufmachen? Nächstes Jahr ist es soweit, die große Vier drängelt sich in die erste Reihe um den nächsten Abschnitt meines Lebens zu dominieren. Erstaunlicherweise fängt mein Umfeld an, mich deswegen verrückt zu machen. Wie es mir gehen würde? Ob ich Angst davor hätte? Warum sollte ich Angst haben. Ich werde ein Jahr älter. So wie jedes Jahr. Das habe ich schon oft unbeschadet überstanden. Von einigen alkoholgeschwängerten Katereskapaden abgesehen. 
Doch je mehr mein Freundes- und Bekanntenkreis um mich herum stellvertretend die große Flatter bekommt, fange ich mich an zu fragen: Muss ich dann eigentlich erwachsen werden? Und wenn ja, was heißt das für mich? Was heißt es 40 zu sein? Gibt es überhaupt noch die klassische Einteilung in verschiedene Altersgruppen?
Ich für meinen Teil kann das nicht festlegen. Ich kann nur sagen, ich fühle mich nicht alt. Und wenn ich so die gesellschaftlichen Altersattribute Revue passieren lasse, lebe ich auch nicht alt. Ich gehe immer noch gerne auf die Piste. Hänge in versifften Kneipen rum. Und vernichte mit halb so alten Gleichgesinnten Hopfenkaltschalen. Ich habe niemals eine Lebensversicherung besessen und glaube immer noch das „The Ramones“ die einzig wahren Götter sind. Ist das 40? Sicher nicht. Oder hat sich da was getan? 
Oft, wenn ich andere in meinem Alter kennen lerne, passiert es mir sehr häufig, dass ich mich dabei ertappe, die als sehr, sehr alt zu empfinden. Wie sie mit ihrem MaxiCosi beladen sämtliche Basic-Filialen leer kaufen und sich mit anderen ihren Schlages gegenseitig selbstbeweihräuchern. Ich kann mich denen einfach nicht zugehörig fühlen. Ich habe auch schon zehn Jahre jüngere kennen gelernt, die mir noch älter vorkamen. So kontrolliert. So überheblich korrekt. So… so langweilig. Es geht also immer so und so. Wie bei fast allem im Leben.
Ich glaube das Alter ist einfach immer relativer geworden. Nicht das Zahlenlabel, das in unseren Ausweisen wie in Stein gemeisselt versucht, uns in eine Gruppe zu zwängen gibt heutzutage den Ausschlag. Es ist viel mehr das Innenleben. Die Einstellung. Das Auftreten. Oder neudeutsch die „Attitude“. Nicht das Alter bestimmt, wie als man ist. Sondern man selbst hat es in der Hand, von der Gesellschaft als alt abgestempelt zu werden oder eben nicht. 
Wer jetzt aber der Meinung ist, die Hose bis in die Kniekehlen zu ziehen, „Linkin Park“ auf dem MP3-Player zu haben, und grellbunte Shirts von Huschi&Muschi zu tragen reicht, um als jung durchzugehen, der irrt nicht nur gewaltig, sondern fährt mit sehr heißen Kufen auf einer sehr dünnen Eisschicht über den kleinen See der großen Peinlichkeiten. Man muss es sein, fühlen, leben. Und man darf sich nichts vorschreiben lassen. Ich lasse mir auch nicht vorschreiben, dass ich mich nicht auch in klassischer Spießertradition über die lauten Nachbarn aufregen kann. Oder über die Kids, die einem im Weg stehen. Genauso wenig lasse ich mir das Recht nehmen an einem schon um 21 Uhr im Bett zu liegen und in die Glotze zu starren. Ist das alt? Ist es alt, dass ich kein Geheimnis daraus mache, in meinem Kerl und meinem Köter die absolute Definition von zu Hause und Familie gefunden zu haben? Dass ich es toll finde, wenn die Wohnung aufgeräumt, die Rechnungen bezahlt sind und ich mich selbst vor kurzen mit einem iMac beschenkt habe. Vielleicht ist es nicht mehr der große laute Punk von vor 20 Jahren, aber es ist immer noch verdammt guter Rock. Und deswegen habe ich auch kein Problem damit, der großen Vier die Tür zu öffnen. Ich hoffe nur, sie hat Bier dabei.

©Nicolas D. Lange

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5 Kommentare zu “Was noch übrig war.

  1. Kein Problem, sich mit 30 oder 40 seine Jugend zu bewahren – wenn man keine Kinder hat. An den eigenen Kindern und die übernommene Verantwortung merkt man das eigene älter werden. Also: Ohne Kinder ist es leicht über das Alter zu sinnieren.

    • Mh, ich glaube, es ging uns gar nicht um das Ding „Jugend bewahren“. Sondern eher, das älter werden jetzt an sich nicht so schlimm ist, wie man gedacht hat.

  2. „Ich spiele etwas „Erwachsen sein“. Ob ich es nun endlich bin, weiß ich immer noch nicht.“

    „Ich habe niemals eine Lebensversicherung besessen und glaube immer noch das „The Ramones“ die einzig wahren Götter sind. Ist das 40? Sicher nicht“

    Ein wenig geht es auch um das Gefühl das Nicht-Wissens, wie es ist „Erwachsen“ zu sein. Und da meine ich, dass „Verantwortung“ den Unterschied macht. Das sind in jedem Fall eigene Kinder, es kann auch ein Job sein, mit Verantwortung, für andere Menschen oder ein großes Budget.

    • Mh, jobtechnisch tragen wir aber auch beide verantwortung. keine frage. und so ein haus zu haben, ist ja auch irgendwie verantwortung. so mit zwei katzen und einem hund. ist doch auch verantwortung?

      warum zählen denn nur kinder?

  3. Verstehe ich das gerade richtig? Es wird sich echauffiert darüber, dass wir über das älter werden sinnieren, ohne das wir die einzig wahre Verantwortung namens KINDER unser eigen nennen?
    Wir wissen also nicht, was Verantwortung heißt?
    Ich bin selbstständig, arbeite an teils heftigen Projekten mit verdammt viel Verantwortung. Ich habe einen Hund, der auf mich und meine beruflichen Leistungen angewiesen ist. Und auch andere Personen verlassen sich auf mich. Ist das keine Verantwortung?
    Ich weiß, ich weiß. In der Welt von Eltern (speziell frischen Eltern) gibt es nichts Wichtigeres als die kleinen Schreihälse. Alles dreht sich darum und auch nichts anderes hat eine auch nur annähernde Wichtigkeit. Wenn man als Kinderloser über Stress klagt, bekommt man Arien in sieben Akten vorgesungen, was für ein Stress es ja erst einmal ist, ein Kind zu haben und zu versorgen. Wenn man als Kinderloser überhaupt irgendwas sagt, bekommt man von Eltern das Theaterstück „Wenn du ein Kind hättest, würdest du die Dinge ganz anders betrachten“ vorwärts und rückwärts vorgespielt.
    Ich finde es ja persönlich schön, wenn Eltern ihre Aufgabe ernst nehmen. Leider tun das viel zu wenige. Aber alles in Maßen. Bitte
    Danke

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