Lückenfüller. Unsere Teamarbeit für die Scroll Edition.

Wir sind in der Hitzewelle gefangen. Daher hier was aus der Mottenkiste von vor drei Wochen.

Darf man nicht mehr sagen. Darf man nicht mehr machen.

Da ist diese Sache mit den Tabus. Dinge die man nicht mehr machen oder sagen darf. Beides. Es geht manchmal ganz einfach los. Da sitzt man in gemütlicher Runde am Tisch, irgendeiner sagt „Sozialer Brennpunkt“ und ein weitere Rundenbeisitzer erhebt mit gehobener Hand Einspruch. So erst neulich geschehen. Die Runde lernte, Sozialer Brennpunkt heißt jetzt „Wohnviertel mit besonderem Erneuerungsbedarf“. Tusch. Ja, so ist das. Ist das nur hier so? Wir saßen weiterhin in der Runde und jemand weiteres sagte, er habe bitter erfahren müssen, das man „Lebensraum“ nur noch im Bezug auf Pflanzen und Tiere sagen darf. Aber nicht mehr mit Menschen. Die Nazis sind schuld. Okay, bis 1980 geborene sollten das wissen, aber wenn man das nicht weiß, dann ist man kurz unten durch. Sagt man nicht mehr. Da sogar mit mehr Grund als beim sozialen Brennpunkt. Steckt ja Geschichte hinter. Apropos Geschichte. Mit Geschichte ist es immer Tabubehaftet. Speziell als Deutscher. Ganz schwer. Bestimme Witze sind hier Tabu, die sich aber unter New Yorker Mitgliedern der jüdischen Gemeinde höchster Beliebtheit erfreuen. Dieses Fass stechen wir es gar nicht an, auf dem Ritt durch unsere Tabulandschaft Deutschland. Tabu ist auch, so eben entbundenen Fraune, die sich gehen lassen, zu sagen, sie lassen sich gehen. Geht gar nicht. Kommt man für Teufels Küche.

Wieder ein anderes neulich, wieder ein anderes Tabu. Es kommt einher mit der echten öffentlich geäusserten freien Meinung. Ganz schwierig. Echte, total echte, ehrliche Meinung. Vorsichtig damit! Das ist nicht gerne gesehen. Man muss eine unsichtbare Schutzweste um’s Gemüt wickeln, um hier durch die Stammtischwälder zu wandern. Vorsicht. Achtung, Achtung Baby.

Tabubrecher vor dem Herren ist den einen gerne Herr Thilo Sarrazin. Er bricht momentan in der Art eines flotten Tennismachtes Reihenweise die Lieblingstabus der Deutschen: Ausländer, HartzIV und Beamte. Da ist das Volk geteilter Meinung. Der eine sagt: Er hat ja nicht unrecht. Der andere sagt: geht gar nich. Da sind wir wieder, beim Deutschen Tabu reigen. Und er geht noch weiter.

Man darf gegenüber Freunden mit Kindern nicht sagen, dass man voerst keine Kinder plant. Das wird gerne überhört. Hat man zufälligerweise Haustiere, werden eine, diese immer „als gute Übung“ ausgelegt. Man kommt gar nicht zu Wort. Ist man doch fast vorm durchdrehen und schreit: Ich will aber erstmal nach Hawaii, einen Hund und vielleicht mindestens 35 werden, bevor ich das ernsthaft plane. Ist nicht erlaubt. Sage niemals Freunden mit Neugeborenen, du willst nicht. Schäme Dich. Man darf auch nicht sagen, man ist genervt von Kindern. Also, ja, es ist ein Kreuz mit dem was man sagen darf und was man nicht sagen darf. Auf zum nächsten Tabu der Deutschen. Dem Nationalstolz. Heikles Thema, heiß wie ein Waffeleisen. Ich bin quasi ein Nationalstolzalbino. Ich habe den einfach nicht. Keine Ahnung wieso. Aber gerade jetzt, während des Weltweitenvuvuzueleafußballraves ist das ein ganz beliebtes Thema. Sei stolz auf Dein Land, es gewinnt im Fußball. Hä? Es ist ein Tabu mit doppeltem Boden. Es ist ein Tabu für die ohne Nationalstolz und ebenso eines für  die, die ihn haben, ihn nicht zu haben. Wir reden hier in diesme Kontext der Einfachheit nur über den gesunden Nationalstolz. Grundsätlich ein Problem in diesen Breitengraden. Da klopft die gute alte Geschichte wieder an die Tür, wie bereits im Intro erwähnt. Alles mit Geschichte ist in diesem Land ein Tabu.

Loben. Habe ich auch bei meiner persönlichen Umfrage zum Thema Tabu gesagt bekommen. Loben ist total Tabu in Deutschland. Wird nicht gemacht. Ist fürchterlich undeutsch. Ja,ja, jetzt wo ich drüber nachdenke, ist was dran. Wir galoppieren schnell im Text weiter und klatschen dem Leser schnell Stichwortartig noch ein paar fancy Tabus um die Ohren: Ehrlichkeit, so richtig echte. Voll schlimm. Aus der Stadt auziehen und „ruhiger“ werden ist unter thirtysomethings im heißen wechsel der Renner und das Tabu schlechthin. Fluchen. Richtig echtes Fluchen ist ganz schlimm. Sag bloß nicht „Du Penner!“. Das darf man nicht. Oder inmitten hitziger Debatten über die aktuelle Lähmung der regierenden Parteien leicht ironisch anmerken, wo denn die RAF sei, wenn man sie mal wieder braucht. Die RAF ist hier beliebig mit der Antifa zu ersetzen. Das macht nicht viel aus. Schrecklich seltsam ist da alles.

An diesen fünf Gruppen von Menschen und Themen klebt also ein verbaler Brandzünder.  Migranten, Hartz-IV-Empfängern, Frauen, Schwulen und Juden.

Einige Tabus liegen leider Gottes auf der Hand – zum Beispiel die, mit Geschichte. Das hat man ja neulich anhand der Inneren Reichsparteitagsdebatte merken können. Eigentlich ein linker Spontispruch, verzerrt an falscher Stelle. Gleich hat der Kittel gebrannt. Schrecklich, nichts darf man mehr sagen heutzutage.

©Rose

Nichts darf man mehr sagen heutzutage? EINSPRUCH! Ich weigere mich diese dogmatische Herrschaft des Tabus ohne Widerworte zu akzeptieren. Und dabei ist es mir egal, aus welchen historischen, sozialen oder ethischen kleinen Löchern diese Tabus gekrochen sind. Ich lasse mir nicht den Mund verbieten. Ich sage, was ich will.
Und ich nehme mir dieses Recht nicht deshalb heraus, weil ich zu einer der von meiner Vorschreiberin genannten Brandzünder-Menschen/Themen-Gruppen gehöre. Bestimmt nicht. Sonst müsste ich im Umkehrschluss jedem, der einen Schwulenwitz macht abgrundtief verachten oder zumindest mit dem moralischem Zeigefinger ins Auge pieken. Und da habe ich echt besseres zu tun. Nein, ich nehme mir das Recht heraus, weil ich es schlichtweg für falsch halte. Zensur hatte noch nie etwas Gutes. Auch wenn Sie unter einem hübsch zusammen geklöppeltem Quilt aus Moral, Ethik und falscher Rücksichtnahme verdeckt wird. Zensur bleibt Zensur. Auch in bunter Verpackung. 
Ich will damit nicht sagen, dass man jetzt losziehen soll und auf Biegen und Brechen und ohne Rücksicht auf Verluste Alles Jedem an den Kopf knallen soll, kann und darf. Man muss, man sollte es immer der entsprechenden Situation anpassen. Mit wem spricht man, in welchem Umfeld und zu welchem Anlass. Man darf nur eben aus gesellschaftlich geschwängerter , prophylaktischer Rücksicht nicht komplett die Sprache verlieren.
Bestes Beispiel ist wohl des Deutschen Leid-Thema Nummer Eins: die dunkle Vergangenheit. Sitzt man mit einer netten alten Dame, jüdischen Glaubens zusammen, die einen geliebten Angehörigen unter den Schergen des Nationalsozialismus verloren hat, wird wohl jeder wissen, dass dies nicht der Moment ist Juden-, Nazi-, oder KZ-Witze zu machen. Aber dennoch kann man auch hier einen inneren Reichparteitag feiern. Und sei es nur wegen Fußball. Man darf sich nicht zur Geißel einer unnötigen Übervorsicht machen lassen. Man kann es nicht jedem Recht machen. Und man muss es auch nicht. Wo soll das denn auch hinführen? Sicher wird man in Gesprächen immer wieder an Themen gelangen, die verbal etwas glitschiger sind. Aber soll man diese Themen deswegen weiträumig umschiffen?
Der einzig wahre Weg auf dem frisch gebohnerten Parkett der politischen Korrektheit nicht eine stilvolle Bruchlandung hinzulegen, wäre in letzter Konsequenz sich den Mund zu tackern zu lassen. Frei nach dem Motto, wenn keiner was sagt, kann auch keiner verletzt werden. Aber mal ehrlich, wo kommen wir denn da hin? Lieber geht man mal einen Schritt zu weit, hängt sich verbal vielleicht etwas zu weit aus dem Fenster, als ungehört zu verstummen. Sollte man dabei unabsichtlich wirklich jemanden verletzen hat man immer noch die Möglichkeit, wie auch Verpflichtung, für seine Tat einzustehen und sich entsprechend zu entschuldigen, zumindest aber zu erklären. Wichtig ist dabei, dass es eben nicht um absichtliches Verletzen geht, das hat nichts mehr mit freier Meinungsäußerung zu tun. Außer man zofft sich so richtig mit allem Bumms und Fallera.  Da gelten eh andere Regeln.
Aber manchmal muss man sogar mal Tabus brechen. Um neue Wege zu öffnen. Um sich Gehör zu verschaffen. Um wachzurütteln. Man sollte aber dennoch immer versuchen ein gesundes – und dabei liegt die Betonung auf gesundes – Maß an Pietät walten zu lassen. Das versteht sich bei jedem denkenden Menschen von selbst. Sollte es zumindest.
Aber solange man es gesellschaftlich zulässt, dass Worte mit einer negativen Hülle behaftet werden, so wird die Auswahl an wertfreien, politisch korrekten und ethisch akzeptablen Worten mehr und mehr auf das Niveau eines Hauptschulabbrechers aus Überzeugung herunterfallen. Denn es passiert immer wieder etwas Negatives, was mit bestimmten Worten in Verbindung gebracht wird, die dann auf dem Index stehen.
Ich werde auch ganz sicher nicht anfangen „Prostituierte neuerdings Frauen mit Penetrationshintergrund“ zu nennen. Nee, echt nicht. Und wer in meiner Gegenwart Schwulenwitze macht, muss damit rechnen, dass ich noch viel Bessere davon auf Lager habe. Man darf halt alles nicht so eng sehen.

©Nicolas

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