Ja. Again. Web 2.0. Jetzt wieder toll. Wenn des die Firma macht.

Jetzt zwitschern schon die Jobs. Microblogging – die neue Geisel der Personaler. Wired. Yes!

Wieder einmal widme ich ein paar Zeilen dem Lieblingshassmutanten der Medienwelt: Dem Baby Web 2.0. Wir erinnern uns: Vor ein paar Monaten: Böse, kommt vom Teufel. Menschen verlieren ihre Jobs, wenn sie sich privat bei Facebook herumtreiben. Böse, böse, böse. Don’t try this at home.

Ein paar mal geschlafen, ein paar Wochentage weiter, dann die Kehrtwende. Da galoppiert die News der Neuigkeiten durch die Welt, denn nun ist es das A und O neben einem drögen BWL Studium doch bitte den Web 2.0 Führerschein sein Eigen zu nennen. In höchsten Tönen belatscherte man sich in einem FAZ Artikel über die Notwendigkeit der Wendigkeit im World Wide Web. Und wie dringend die Konzerne dieser Welt die Kinder mit dem besten Web 2.0 Know-How suchen. Wir erinnern uns auch: Die Leute, die voll durchblicken und wissen das Frontend keine neue Zeitung ist und das man bei Google nicht nur ganz oben landen kann, wenn die Firma mit A anfängt, sind leider nicht die drögen BWLer die von Tuten und Blasen keine Ahnung haben. Die Leute, die wissen, wie man innerhalb von Stunden eine Welle durch das Netz lostreten kann, die Leute die wissen: Das Internet vergisst nichts – das sind die gebrantmarkten Freaks und würden bei einer der Big Player Firmen, die so dringend nach den Heads mit dem Wissen suchen, sowieso nicht am Empfang vorbei kommen. So in etwa.

Nun geht es in die nächste Runde. Ping Pong Pang. Buff. Boing. Recruiting über den ach so geliebten Microbloggingdienst Twitter ist der neueste Schrei. Gott sei’s getrommelt und gepfiffen. Ich brauche meine Riechsalz. Im SZ – Artikel, der den süßen Titel „Zwitscher mir einen Job“ trägt, plaudern die Personaler der Big Player auf dem Deutschen Markt darüber, wie geil gut die Suche nach den richtigen Leuten für die richtigen Jobs via Twitter doch läuft.

Gerade für Branchen mit einem angestaubten Image wird es immer schwieriger, geeigneten Nachwuchs zu rekrutieren. Wie also kann man potentielle Bewerber anlocken und sich gegen beliebte Unternehmen durchsetzen? Robindro Ullah glaubt die Antwort gefunden zu haben: Der Verantwortliche fürs Hochschulmarketing bei der Deutschen Bahn erfand zwei fiktive Charaktere – Inga Zugreif und ihren Kommilitonen Ingo Bahnmüller. Beide haben ein Facebook-Profil. Und beide twittern unter den Namen DBINGa und DBINGo regelmäßig über ihren Alltag bei der Bahn. „Wir wollen euch so viel Deutsche Bahn zeigen wie möglich“, verkündet DBINGa reichlich steif über Twitter.

Da wird doch der Hund in der Pfanne verrückt. Nun ist es also soweit. Man weiß gar nicht mehr, was man glauben soll. Erst sind Facebook und Twitterprofile der sichere Tod auf dem Arbeitsmarkt, der Klarname an sich unter einem Blog ist die direkte Durchfahrt zum ARGE Schalter und so weiter.

Zwitschert also ein angetrockneter Großkonzern unter fiktiven Namen im World Wide Web denken die Menschen aus der jeweiligen Kommunikationsabteilung: Yeah, wir sind jetzt voll 2010. Dabei gibt es nix schlimmeres, als gefakte Profile im Netz, hinter denen irgendwelche Firmen stecken. Irgendwie hat das einen faden Beigeschmack. So, als wenn man eine Liter Wurstwasser die Kehle hinunterschüttet. Irgendwie passt das alles nicht zusammen.

Die Angst der Konzerne vor Bloggern, der Ruf nach Experten für Internet, Web 2.0, Social Networks und schreckliche Versuche, einen Fuß in die unsichtbare Tür der Blogger und Zwitscher-Welt zu bekommen, indem man sich virtuelle Mitarbeiter ausdenkt die dann, oh wie toll, Praktikumsplätze bei Twitter verteilen wollen, sind alles in allem eine schreckliche Verzweiflungstat. Das ist ja sowieso genau das, wovon es nicht genug gibt: Praktika. Das ist aber ein ganz anderes Thema. Es liegt auf der Hand, die Komzerne kommen aus dem Tritt. Meine Güte, sie haben Angst vor’m Blogger, den Freak. Bevor sie den Dialog suchen, wird erstmal geklagt. Ja, ich mahn‘ Dich ab. So läuft das in echt.

Die Schizophrenie der ganzen Nummer kommt dann zu Tage, wenn man im oben genannten Artikel weiterliest:

Die Vorteile von Twitter gegenüber gängigen Jobbörsen liegen für Thorsten zur Jacobsmühlen auf der Hand. Der Blogger und Recruiting-Stratege beschäftigt sich seit Jahren mit den Möglichkeiten des „Electronic Recruitings“: Das Unternehmen kann Kontakt zu potentiellen Mitarbeitern halten, auch wenn akut keine Stelle zu besetzen ist – vorausgesetzt, die Kandidaten registrieren sich als Follower. Zugleich erreichen die Personaler auch die Fachkräfte, die gar keine Stelle suchen und trotzdem oder gerade deswegen interessant für das Unternehmen sein können.

Alles klar. Wie kann es sein, dass sich die Personalerriege an sich nicht entscheiden kann, was nun gut und oder böse ist? Wie ist es denn nun, darf man nun Profile im Netz von sich haben, oder doch besser nicht? Oder geht es hier darum, stinklangweilige Sachen im Netz von sich zu positionieren, eine blasse Fassade, ein blöder Abklatsch einer Bewerbung mit einem gestellten Grinsen – das ist dann okay? Ist es das, was ihr wollt? Was ist mit den ganzen ehrlichen und kritischen Blogs und Seiten die uns das Internet schenkt? Die sind dann nicht okay?

Da sind wir dann wieder an dem Punkt, an dem sich Geister und Wege trennen. Entweder man ist ehrlich und sagt seine Meinung und gilt rasch als Freak, weil man mit Klarnamen im Web 2.0 rummacht, oder man ist die brave Else die im Hugo Boss Kostüm von der Twitterseite grinst. Na prost Mahlzeit.

Ich behalte das im Auge. Das geteilte Verhältnis zwischen Personalern, Konzeren und dem Web 2.0.

©Rose

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