Discounter-Disaster! In was für einer Welt leben wir eigentlich?

Eine Frage, die ich mir immer öfter stelle. Gestern wieder ziemlich häufig, als ich die Dokumentation  „Aldi – Mutter aller Discounter“ von Rasmus Gerlach auf EinsFestival gesehen habe.  Meine Gedanken zu Aldi vorab waren wohl die, die die meisten haben:

–          Die Mitarbeiter da verdienen richtig gut im Vergleich

–          Die Produkte sind oft Markenprodukte unter Aldi-Namen

–          Die Albrechtbrüder sind die reichsten Europäer

Wie ich darauf kam? Keine Ahnung, ich kenne gar keinen, der bei Aldi arbeitet, der mir das mit dem Lohn bestätigen könnte. Alles nur Hörensagen. Dann dachte ich darüber nach, dass Aldi keine erkennbare, meint: kontaktierbare Kommunikationsabteilung hat. Die Dokumentation gibt als einen Grund dafür an, dass es der Aldi-Konzern nicht nötig hat. Mit viel Druck wird dafür gesorgt, dass Negativmeldungen ihren Weg nicht nach draußen finden. Das Management gibt ich an die Regionalleiter, die an die Bezirksleiter, die an die Filialleiter und die an die Kassiererinnen weiter. Was für eine Schraube. In Gerlachs Doku kommen fast alle aus dieser Handlungskette zu Wort. Zumindest die, die dazu bereit waren. Aus der obersten Etage hat natürlich niemand Grund gefunden, hier Stellung zu beziehen. So sehen wir ein ehemaliges Vorstandsmitglied, dass seinen Ausstieg aus der Firma nicht so recht erklären mag, die Albrechtbrüder aber verteidigt und zwar am liebsten mit dem Argument: „Die Mitarbeiter bei Aldi verdienen im Vergleich viel mehr als bei anderen Lebensmittelhändler, machen Sie sich das einmal klar.“ Ja super. Dafür  muss man Aufgaben übernehmen, die einfach nicht zum Job dazugehören (Personaltoiletten putzen, damit man keine Reinigungsfirma bezahlen muss oder auch Fenster reinigen), wird überwacht und macht unbezahlte Überstunden.  Wie mit dem Betriebsrat bei den Albrechts umgegangen wird, ist auch schlichtweg ein Skandal. Daumenschrauben und Repressalien. Kranke Mitarbeiter sollen vom Filialleiter ohne Ankündigung „besucht“ werden. Wer sich weigert wird gegangen. Eines der schockierendsten Beispiel von der Konzernmoral war, als man eine Filiale einfach schloss, einriss und nebenan neu aufbaute, aber ohne die Mitarbeiter, die dort vorher gearbeitet haben (und dementsprechend etwas älter waren zumeist), sondern per Inserat neue Mitarbeiter gesucht hat. Da geht einem doch der Hut hoch. Ist doch nicht zu fassen!!! Da habe ich dann mal überlegt, ob ich denn schon einmal eine Kassiererin bei Aldi gesehen habe, die kurz vor der Rente sein könnte? Nein, habe ich nicht. „Bei Aldi wird man nicht alt“, hieß es in der Doku.  Auch ein tolles Beispiel: ein Mitarbeiter erzählte, dass den Aldi-Verkäufern nahe gelegt wurde für ein geringeres Gehalt zu arbeiten. Grund: ein Manager hatte sich bei der Implementierung neuer Aldi-Filialen in den Niederlanden verkalkuliert und hat Millionenverluste gemacht, die auf diese Art aufgefangen werden sollten.

Da dreht man doch völlig durch. Wie können Konzernlenker und –entscheider nur so mit Menschen umgehen? Wiiiiiie? Das will mir nicht in den Kopf. Bei Lidl wird man zu jedem Pups überwacht und angeprangert und ist total unfrei, beim Schlecker wird gekündigt und über eine Zeitarbeitsfirma für weniger Lohn wieder eingestellt. Und die Firma schreibt schwarze Zahlen und macht abnorme Gewinne. Dass das funktioniert ist der Wahnsinn. Ich hatte das letztens auch mit einer Bekannten drüber gesprochen und hatte die Frage in den Raum gestellt, wann so ein System denn mal kollabiere. Ihre lapidare, ernüchternde Antwort: „Ach, das dauert, die Leute ertragen so unendlich viel…“

Ich habe letztens einen schönen Artikel hierzu gelesen im Südkurier, über den „Fehler im System“. Wie kann es sein, dass man Vollzeit beschäftigt ist, davon aber nicht leben kann? Das darf doch nicht wahr sein.Ich lese passend dazu gerade das Buch „Deutschland dritter Klasse“ von Julia Friedrichs und Co, das mir sämtlich Haare zu Berge stehen lässt, wenn man sich vor Augen führen lässt, was in Deutschlands Arbeitswelt so passiert. Wie kann man nur darüber nachdenken, ob man die Freibeträge beim Arbeitslosengeld erhöht? Das Pferd von hinten aufzäumen – tolle Lösung. Es muss doch vielmehr daran gelegen sein, dass solche Praktiken von Unternehmensseite unterbunden werden. Den Arbeitsmarkt zu refomieren. Gerechte Lohnzahlungen, nicht mehr Hiwijobs, für die man sich krumm machen muss, um weiterhin von 5 Euro am Tag zu leben. Der Niedriglohnsektor wird immer größer.

© Simone

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2 Kommentare zu “Discounter-Disaster! In was für einer Welt leben wir eigentlich?

  1. Teil des Problems ist leider, dass die Nachfrage nach entsprechenden Discounter-Preisen besteht. Und die Kund/innen sich nicht damit auseinandersetzen (wollen), warum ein bestimmter Laden so unglaublich billig sein kann. Irgendwer (i.d.R. Produzenten und Verkäuferinnen) zahlt dafür.
    Leider interessiert es kaum jemanden, warum z.B. Brötchen für 10, 15 Cent pro Stück angeboten werden können, und welche Auswirkungen die individuellen Kaufentscheidungen jedes und jeder einzelnen haben.

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