Web 2.0 – Hop oder top? Die wechselmadige Zusammenfantasterei schnodderiger Journalisten im Nachrichtenloch 2010. 2009 Reloaded.

Die zusammenhalluzinierte Wichtigkeit der Wichtigkeit von Web 2.0. I am the wannabe Lady Di in Sachen Soziale Netzwerke.

Die Situation auf dem Arbeitsmarkt ist seit nun gut einem Jahr mehr als angespannt. Die Nachrichten wechseln im Tagestakt. Montags jodelt der Spiegel, alles wird gut. Aber direkt am Dienstag brüllt der Krisenticker der Bild Zeitung in fetten Lettern: 2010 wird alles noch viel, viel Schlimmer. So werden die Arbeitsuchenden mehr und mehr immer kleiner gemacht. Es soll sich ja keiner mehr einbilden, er habe ein Recht auf einen guten Job. Nö, nö.

Jetzt zum Lieblingskind der Presse. Soziale Netzwerke. Überall kreischen alle. Mal hoch, mal tief. Jede Woche gibt es eine andere bescheuerte Meldung aus den Sümpfen der deutschen Zeitungsredaktionen. Woche für Woche wird eine neue Scheibe der großen Informationsalami auf’s dünne Brot geschmiert. Und es geht immer um die Wichtig- oder Nichtigkeit der ach so fancy cozy Sozialen Netzwerke. So ein Bullshit, these Germans have a Ding am Sträußchen.

Heute schreibt sich die FAZ ein paar Hirnwindungen gerade. Mit dem total bescheuerten Titel „Einstellungsvorraussetzung 250 Follower“ geht der Artikel ins Rennen. Da wird wieder die Mär von der Geschicht‘ runtergerasselt, wie wichtig doch soziale Netzwerke seien und Menschen mit dem Know-How von „Web 2.0“ sind eigentlich total gesuchte Leute. Alles klar. Und wenn man heute schon zur Elite gehören will (ergo, fancy Hochschulabschluss) dann sollte man doch bitte auch noch die Lady Di der sozialen Netzwerke sein. Hört, hört.

Noch vor ein paar Wochen hieß es, bloß nicht privat twittern! Oder bloggen! It is like Death! Ganze Herrscharen von Journalisten stürzten sich auf Leute, die wegen Sauffotos im Internet, bei der kleinen Zicke namens Facebook, angeblich ihren Job verloren hatten. Vom ZDF Mittagsmagazin bis zu Ulrich Meyer „Der will doch nur helfen“, fanden alle arme gebeutelte Menschen, welche die Welt nicht mehr verstanden. Böse, böse Soziale Netzwerke. Man rückte Personaler ins richtige Licht, die mit schlechter Krawatte und billigem Anzug in die Kamera näselten, wie unfein es doch sei, wenn Menschen Menschen seien und sich auch ab und an so benehmen. Wer den Leichtsinn besitze, einfach so mal Fotos von sich ins Netz zu stellen, der müsse sich nicht wundern, wenn er rausfliegt. Oder wenn er erst gar keinen Job bekommt.

So, so. Eine Woche so, die andere Woche so. Ja, was denn nun eigentlich? Ich will ja nicht mit Hohn durch die Hintertür fallen, aber mir fällt da nicht mehr ein, als ein hysterisches Lachen. Wenn es tatsächlich so wichtig ist, dass man sich im Web 2.0 auskennt, Soziale Netzwerke nutzt, Blogs schreibt, Kampagnen lostreten kann über eine winzige E-Mail – dann wäre ich die Expertin. Das erinnert mich an einen Job, den ich mal beim Fraunhofer Institut hatte. Da hing in der PR-Abteilung ein großer Zettel auf dem stand „Knöpsche drücke dürfe bei uns nur de Experte“. Genau. Ich wäre der Ober-Experte. Ich müsste bewusstlos sein vor lauter Stellenangeboten. Hier drück nur ich auf die Knöppe.

Jedoch hält es sich in der Realität ziemlich anders. Weder ersticke ich vor Stellenangeboten noch kommt Web 2.0 wirklich gut an. Ich habe einfach nur die Erfahrung gemacht, dass man gerne mal zum Vorstellungsgespräch eingeladen wird, weil die mal gucken wollen. Wie ist denn so jemand, der Blogpreise gewonnen hat, über den Artikel in der Süddeutschen stehen. Es ist wie …. ein Flohzirkus zu sein. Man lobt mich dann immer für mein Engagement im Internet und für meine kreative Schreibe, aber Arbeit, nein war nur ein Witz. Machen Sie es gut.

Mal Butter bei die Fische, seit nun neun Jahren schreibe und veröffentliche ich im Internet, schlage mich mit Myspace, XING, Linkedin, Facebook und anderen Sachen herum. Ich kann das vorwärts und rückwärts. Ich kann ein Lied darüber singen, wie bescheurt die Leute doch sind, weil sie nicht in der Lage sind, ihre Profile so einzustellen, dass man sie nicht im Internet findet. Ich vertreibe mir eine Menge Zeit damit, Abend für Abend nicht gesichterte Facebookprofile zu sichten. Manchmal wundert mich dann nichts mehr und ich glaube dann auch an die Kündigungstheorie von ZDF und Urlich Meyer „Der will doch nur helfen“.

Letztendlich steht in jenem FAZ Artikel auch nur wieder Quark. Nachdem man sich in drei langen Abschnitten darüber auslässt, wie wichtig der Umgang mit Web 2.0 doch sei um fit für den Arbeitsmarkt zu sein, endet der Artikel mit der bitteren Wahrheit: Den meißten Unternehmen macht es eher Angst, als Freude, wenn ihre Mitarbeiter in spe mit „Klarnamen“ und (igitt!) eigener Meinung durch die Meere des web 2.0 segeln. Don’t try that at home!

Und das ist wirklich schade. Einerseits sollen wir glasige Bewerber sein, aber bitte ohne Flohzirkus im privaten Leben. Am besten wir fahren alle einen VW Golf, tragen ein Kostüm oder einen Anzug von Hugo Boss, unsere Haare schneidet Elli von Tony&Guy, und unsere Meinung impft man uns über Spiegel und Co. „Einbruch auf Arbeitsmarkt noch schlimmer!“. Darunter steht, in unsichtbaren Lettern: Leave your personality at home. Vergessen sie rasch, dass sie eine eigene Meinung haben. Sonst bekommen sie keinen Job. Und löschen sie rasch das Foto vom Lachse angeln. Das kommt nicht gut.

Das ist doch alles einfach nur: VERRÜCKT!

©Rose

Ps.: Ich stehe übrigens weiterhin voll dazu, mit meinem Klarnamen im Internet Texte mit meiner Meinung zu schreiben. Da kann auch noch jeder dritte Personaler (natürlich anonym, was auch sonst) mailen, so wird das aber nie was mit mir. „So jemanden wie Dich würde ich nie einstellen. Jemanden der es wagt im Internet mit Klarnamen zu schreiben“. Ja, was für eine Frechheit. Ich hab hier die unsichtbaren Hosen an.

PPs.: Ich habe nichts gegen Soziale Netzwerke, ja sie könne auch nützlich sein, aber ich bin die wechselhäutige Hysterie leid, die im 14 Tage Turnus in den Medien zelebriert wird. Bloggen ist inzwischen auch nix neues mehr, aber alle die es machen, werden behandelt wie aussätzige Zebras. Das ist alles sehr Schizophren. Ich kann prima mit diesen Sturkturen umgehen und ich kann ein Lied singen was man in Sachen Online Reputation Management für den ein oder anderen machen könnte. Aber es will ja keiner hören, obwohl die Experten gesucht werden. Seltsam, oder?

Orginalartikel FAZ:

http://www.faz.net/s/RubC43EEA6BF57E4A09925C1D802785495A/Doc~E2C02323B2EC841BA85AFE5B8721A40C7~ATpl~Ecommon~Scontent.html

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9 Kommentare zu “Web 2.0 – Hop oder top? Die wechselmadige Zusammenfantasterei schnodderiger Journalisten im Nachrichtenloch 2010. 2009 Reloaded.

  1. Kannst du mir das grade erklären, was du mit ZDF und Ulrich Meyer „Der will doch nur helfen“ meinst? o.O War da irgendeine Sendung dazu?

    • Ja, genauso ist es gewesen. Es gab einmal im ZDF Mittagsmagazin einen Beitrag über einen Consultant der bei Mc Kinsey wegen Sauffotos rausgeflogen ist. Dann
      noch einmal etwas ähnliches bei Ulrich Meyer.

      LG

      Rose

    • Na, irgendwie doch, die haben dem jungen Mann dann so eine Agentur nahe gebracht, die „Online Reputation Management“ macht, die also für Leute Einträge im Internet „löschen lassen“ und dafür 200 Euro die Stunde nehmen….

      Rose

  2. Guter Beitrag! Genau das Gleiche habe ich auch vor ein paar Tagen gedacht, als ich irgendwo gelesen habe, wie wichtig es ist, überall seine Profile zu haben. Nachdem es vor Kurzem noch hieß „Lassen Sie die Finger davon“.
    Aber ein wenig „ich mache das wie ich will“ sollte ja nicht schaden!

  3. Es gibt die tollsten Dinge. Ich hatte mal mit einer Journalistin zu tun, die wußte nicht, was ein Blog ist.
    Ich: „Das steht im Blog von xy.“ Sie: „Wooo steht das ?“
    Ich: „In dem Blohog.“ Sie: „Was ist das denn ?“
    Ich: „Eine Internetseite, auf der jemand schreibt.“ Sie (wohl immer noch nicht im Bilde): „Aha.“

    Insofern weiß ich gar nicht, ob das was bringt, wenn man sowas in die Bewerbung schreibt. Der betreffende Leser könnte nicht dengleichen Wissensstand haben und etwas in den falschen Hals kriegen.
    Manch einer wird „Facebook“ mit dem Nacktscanner verwechseln. Oder das „studivz“ mit der Studienordnung.
    Es ist schon schwierig…

    • Da hast Du allerdings recht. Ob es was bringt, ist immer die Frage. In meinem Fall ist es halt so, dass die Leute ja nur meinen Namen eingeben müssen und nicht nur diesen Blog hier finden, sondern noch den bei der SZ, etliche Interviews, Videos von einer Lesereise und so weiter. Und dann geht das immer los, in den Vorstellungsgesprächen….Ich hatte es auch einmal, dass man mir sagte, dass wen ich angestellt werden würde, würde man mir das „Blog schreiben“ vertraglich untersagen. Keine Ahnung, wovor die alle so Angst haben, wirklich.

      Nun ja, ich glaube, Web 2.0 ist eines der großen Missverständnisse. Mal ist es hop, mal ist es top. Und wie Du selber sagt: Manch einer weiß heute immer noch nicht, was ein Blog ist.

      Die Problematik die ich halt nur sehe: Wie können diverse Firmen nach Menschen mit Web 2.0 Know-How „schreien“, die Leute, die dieses Know-How haben aber als Freaks abstempeln?

      Verdrehte Welt.

      Aber mich wundert ja gar gar gar nix mehr.

      Viele Grüße

      Rose

  4. Pingback: Ja. Again. Web 2.0. Jetzt wieder toll. Wenn des die Firma macht. « Gesellschaft ist kein Trost

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