Listen auflisten, Listen überlisten. Von Selbstorganisation und Selbstbetrug

Es gibt immermal wieder so komische Leerlaufphasen. Da muss der Akku aufgeladen werden, da muss der Kopf freigemacht werden. Da muss über eine Neu- oder Umorientierung nachgedacht werden. So eine Phase durchschreite ich gerade und das ist schon ganz spannend. Während so einer Phase der Arbeitssuche lernt man sich ziemlich gut kennen. Mal erschreckend, mal erleuchtend. Aber: sehr wertvoll. Ich denke viel nach.

Dinge, die ich an der Arbeitslosigkeit nicht mag

  • Zuviel Zeit
  • Blöde Nachfragen
  • Kein Geld zu haben
  • Keine sinnvolle Aufgabe
  • Nicht für die Rente vorsorgen zu können
  • Mich blöd fühlen
  • Mich erfolglos fühlen
  • Der ARGE Rechenschaft über mein Tun ablegen zu müssen

Dinge, die ich an der Arbeitslosigkeit mag

  • Freie Zeit für Dinge wie Schreibereien, Malereien etc.
  • Lange aufbleiben zu können
  • einkaufen gehen abseits der Feierabendhektik

Ich habe mir von Andreas Fröhlich den Roman „Naiv.Super“ von Erlend Loe vorlesen lassen und bin, wie sollte es anders sein, wie der Protagonist dem Listenschreiben anheim gefallen. Das Leben lässt sich in einer Liste viel leichter überblicken.  Die haben Anfang und Ende und sind so schön übersichtlich. Diese Ansammlungen hier sind nicht ganz ernst gemeint, denn wirklich gefallen tut mir an Arbeitslosigkeit mal gar nix. Ich fühle mich aber auch nicht als „Arbeitslose“. Ich bin auf Arbeitssuche und beschäftige mich nebenher mit allerlei anderen Dingen, um nicht zu verblöden oder stehen zu bleiben. Darüber könnte ich wieder eine Liste anlegen. Außerdem schreibe ich gerne To-Do-Listen, die ich mal schneller, mal langsamer abhake. Darauf stehen neben dem obligatorischen „Bewerbungen schreiben!“ (ja mit Ausrufungszeichen, ich muss mich manchmal etwas antreiben) auch so furchtbar banale Dinge wie „Müll oder Altpapier wegbringen“, „Post fertig machen“ oder „Oma anrufen“. Ein guter Plan ist viel Wert. Die Liste mahnt mich, sie grinst mich manchmal böse an, wenn ich hinter den Posten keine Haken mache, oder sie in eifriger Genugtuung rigoros durchstreiche. Dann hängt die halbfertige Liste an der Wand und schreit mich an: abhaken! Abhaken!

Selbstorganisation. Wunderbare Listen. Was ich aber noch besser kann als Listen aufzusetzen, ist: Listen überlisten. Ich nehme die Listen von der Wand, da sie mir wie ein Damoklesschwert erscheinen und mir Schuldgefühle machen. In den eigenen vier Wänden! Ich lege sie auf den Tisch, werfe Papiere, Bücher, Fotos, alte Brote – was mir so unter die Finger kommt, darüber und vergesse sie. Irgendwann erstelle ich dann eine neue Liste und während ich den Punkt „Aufräumen!“ abhake, finde ich die alte und sehe, was ich alles vergessen habe. Oma wieder nicht angerufen. Das Altpapier stapelt sich bis unter die Zimmerdecke. Neuer Punkt auf der Liste: „alte Liste abhaken!“

Listen abhaken macht glücklich. Dieses „Wieder-was-geschafft“-Gefühl ist schön.  Unterschätzen will ich aber nicht die Liebenswürdigkeit des Chaos. Ohne Chaos braucht’s die Liste ja nicht. Bevor das hier jetzt allzusehr ins Philosophische abdriftet mache ich mich an die Liste „Was würde ich Samstags abends gern tun?“ und schaue, ob ich den ein oder anderen Haken setzen kann.

© Simone

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3 Kommentare zu “Listen auflisten, Listen überlisten. Von Selbstorganisation und Selbstbetrug

  1. Hallo!
    Zu dem Punkt „Dinge, die ich an der Arbeitslosigkeit nicht mag“ möchte ich noch folgenden Punkt hinzufügen:
    Die Tipps zur Arbeitssuche und Bewerbung von Leuten, die schon länger einen geregelten Job haben und in nächster Zeit auch nicht von Arbeitslosigkeit bedroht werden. (à la: „Mach doch ein Praktikum, da hast du dann einen Fuß drin!“ – „Bewerb dich doch so und so, bewerb dich doch dort und dort…“ blablub)

    • Bei dem Satz „Mach doch ein Praktikum, dann hast Du den Fuß drin“, da dreh ich nur noch durch. Habe ich ja im speziellen gerade noch einmal versucht – totales Desaster.

      Rose

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