Textabgabe der besonderen Art. Eiskalt abserviert. Die Jobgeschichte. Zweiter Teil.

Eiskalt abserviert. „Du bist nur Pop“.

Und plötzlich bekommt man Schnappatmung. Wie innerhalb von wenigen Tagen aus dem Job, der die „Chance“ sein sollte, ein einziges Desaster wird. Und eine Geschichte darüber, wie unmenschlich es abgehen kann.

Interlude I

Hagen telefoniert mit ein paar Institutionen, danach hat er ein Meeting. Da sagt er klipp und klar, die Besucher des Events haben ja sowieso alle nur Realschulabschluss, daher können die ja sowieso gar nicht fassen, was denen da geboten wird. Sind ja sowieso alles nur Idioten. Pah. Diese bescheuerten Besucher, haben ja alle von Kultur und Intellekt keine Ahnung. Niederes Volk.

Am Ende des Tages fragte ich vorsichtig, ob ich was fragen darf. Es ging um das System der Akkreditierung und ich hatte eine Idee, wie man das etwas optimieren könnte. Hätte, hätte. Da war aber nicht viel Raum für meine Ideen. Nee, das wird nicht geändert, haben wir immer so gemacht, bleibt immer so. Ich habe leise gesagt, naja, aber in den großen PR Units macht man die Abwicklung heute zentral, man will ja den Journalist persönlich sehen, nur in Ausnahmefällen schicke ich ihm sein Presseband mit der Post zu. Wozu hat man denn dann einen Pressepoint, wenn da eh keiner vorbeikommt, weil alle, alles geschickt bekommen? Wieder so ein Moment.

Erste Zweifel.

Ich bekam meine ersten Zweifel. Wollte ich mit den beiden über den Ablauf von konkreten PR-Maßnahmen sprechen, hatte niemand Zeit. Es war entweder keiner da oder wenn ich fragte, ob ich was fragen darf, sagte Hagen Weintraub „Ja“, und im nächsten Moment verließ er einfach wie ein verrückter Professor den Raum, und kam erst Stunden später wieder. Naja, dachte ich mir, kann ja alles nicht so schwer sein. Ich wusste ja was ich zu tun hatte, nach der Hammer Recherche stand es nun auf dem Plan, acht Texte zu schreiben. Pah, dachte ich mir, gar kein Problem. Ich fing also einfach an, ich schrieb mit die Hirnrinde wund. Sieben Tage. Acht Texte. Zwanzig Seiten. Mir wurde sogar noch der wunderbare Hinweis gegeben, wenn es gute Vorlagen von offizieller Seite gibt, was Inhalte, Teilnehmer und Beteiligte angeht, soll ich diese doch bitte übernehmen um Freigabeprobleme mit den Partnern zu vermeiden. Selbst das habe ich gemacht und verschwitzt vertrackte Textfragmente aus Pressetexten der Teilnehmer, Partner und so weiter eingebaut. Und dann kam der Tag, an dem es knallte. Es kam alles so schnell, ich konnte gar nicht gucken. War ich doch von lauter Datenbanken bauen, Datenbanken füllen und dem Dasein als Teilzeit Sekretöse total vereinnahmt, ich sehnte mich nach Menschen und einen Plan, da unten in meinem Glaskasten. Ein Team. Aber das sollte nicht werden.

Interlude II

Hagen Weintraub steht in der Mitte unseres Glaskastens und sagt in einem seltsamen Ton zu mir und Gundula „Erinnert Ihr Euch noch an diesen toten Politiker in der Badewanne…?“, er macht eine kurze Sprechpause, als hätte er irgendwann zu Hause diesen Moment einstudiert, er schließt kurz die Augen, sein Gesicht wird plötzlich von einem Grinch Grinsen verziert. „Ach, da wart ihr ja noch viel zu jung….“. Ich sage trotzig, „Natürlich weiß ich wer das war. Uwe Barschel, ja und?“. Ich bin doch nicht blöd. Und ich kann mich noch ganz gut an das Drama erinnern, auch wenn ich ein Kind war.

„Ja, wisst ihr, bei uns früher in der Hausbesetzer Szene da hatte einer so ein T-Shirt. Da war der tote Barschel drauf und drüber stand in dicken Lettern >>In meiner Badewanne bin ich Kapitän!<<. Ich fand das null komisch. Eher geschmacklos. Ich starrte ihn an. Dann klatschte er wie ein kleiner Gnom in die Hände, machte noch einmal das Grinchgesicht und ging dann zum Bäcker und kam mit einer Apfelschnitte zurück. Ich durfte mir die Hausbesetzergeschichte noch ein paar Mal anhören. Überhaupt, Hausbesetzer. Voll die Riesennummer. Wir dummen Leute von heute, vor allem die, die nur auf der Realschule waren, wissen überhaupt nicht mehr, was das war und warum man das gemacht hat. Alles klar. And in the middle of the celebration, I break down.

Zwischendurch: Imaginärer Stress

Dann diese Sache mit dem imaginären Stress. Eigentlich lief jeder Tag dort total entspannt und easy. In meinen Augen. Aber die beiden turnten immer über ihre Schreibtische und erzählten allen, wie gestresst sie seien. Dann gingen sie sich einen Cappucino kaufen und kauten eine Apfelschnitte oder, ja, gingen zum Frisör. Wenn ich richtigen Stress habe, habe ich keine Zeit zum Kauen und für den Frisör. Ich wagte es, igendwann mal zu sagen, Stress sei bei mir aber anders definiert, ich sei doch mal gespannt wie sie dann bei richtigem Stress abgehen würden. Da erntete ich Blicke, gefüllt voller Unglaube. Wirklich, es war dort nichts wirklich stressig, ausser das Gerede von angeblichem Stress der nicht da war. Angeblich hatte keiner Zeit für irgendwas und alles war total busy. Dabei lief alles ernsthaft im Schneckentempo ab. Ich habe so etwas noch nie erlebt. Imaginärer Stress. Das war eine der seltsamen Randanekdoten bei dem Job. Stress, der gar keiner ist, den man nur selber dazu macht. Und es allen erzählt. Aber warum nun?

Textabgabe.

Am Tag nach meiner Textabgabe kam ich ins Büro. Natürlich wie immer, früher als die beiden Könige der Kultur. Da lagen sie da, meine Texte. Zwanzig Seiten, von oben bis unten nur rot. Selbst die implementierten Teile der Partner waren rot und roter. „Das geht so nicht!“. „Das ist kein Satz“. „Da müssen wir noch einmal ran!“.

Ich war irritiert. An nix wurde ein gutes Haar gelassen. Durchgestrichen, unterstrichen. Selbst an Zitaten aus der hiesigen Popkultur waren Kringel dranne und die Frage, natürlich in rot, „Was soll das heißen?“. Weil ich in jenem Moment so richtig Wut hatte, da ich sieben Tage an diesen zwanzig Seiten geschrieben hatte, klebte ich neben die roten Kommentare ein paar Post its, auf denen ich meine Worte erklärte. Vielleicht war das etwas unüberlegt. Aber ich war echt sauer. Den ganzen Tag wollte ich das geklärt haben, weder Hagen, der alte Hippie, noch die frisch von der Uni gefallene Gundula mit ihrem Wahnsinns-Germanistikstudium äusserten sich zu jenem unendlichen Gemetzel in rot auf den zwanzig Seiten. Gegen Feierabend gab es ein kurzes Aufbäumen. Ich teilte meine Seite der Geschichte mit. Ich wurde damit abgespeist, ich sollte mich mal bitte zurück halten, ich hätte nur zu funktionieren, Informationen zusammen zu fügen. Für Kreativität sei kein Platz.

Pow. Whow.

Du bist nur Pop“

Das Dicke Ende kam am Freitag jener Woche. Mit einem Lächeln stellte der Hippie mir einen Becher Kaffee auf den Tisch und sagte mir, wir würden jetzt mal was besprechen. Ich dachte mir: Toll, jetzt reden wir endlich mal über die Texte. So inhaltlich und ich kann auch mal sagen, wie ich das meine und so weiter. Und dann ging es sehr schnell und ich befand mich in einem bizarren Film:

„Ich habe mir Deine Texte gestern alle durchgelesen. Mir hat das alles überhaupt nicht gefallen. Man merkt wo Du her kommst. Du bist nur Pop. Das ist nicht unser Niveau“. Ich war sprachlos. Ich wusste gar nicht, was ich sagen sollte. Das hat echt reingehauen. Meine Güte. Unter mir tat sich der Boden auf, ich bekam Schnappatmung, feuchte Hände und dachte das ich nicht mehr denken kann.

Ich riss mich zusammen und setzte zu einem „Ja, was gefällt Dir denn nicht, zeig mir die Passagen und ich überarbeite das gerne über das Wochenende und näher mich gerne der gewünschten Tonalität an“. Nein, sagte der Mann, der T-Shirts mit toten Männern drauf lustig findet. „Nein, das Risiko gehe ich nicht ein“. Dann bekam er einen Anruf, von irgendjemandem, der unheimlich wichtig war. Sicher jemand mit Kulturverstand und Niveau. Ich taumelte noch etwas über der geöffneten Hölle hin und her. Dann verließ ich wie von Sinnen, wie in einem schlechten Film, das Büro, nachdem er mir auch noch meine Bildauswahl zerrissen hatte. Alles total scheiße ausgewählt. Alles ohne Niveau.Von einem Ex-Hausbesetzer, Original mit 68 Logo unsichtbar auf die Stirn gebrannt, und allem drum und dran, inklusive Demeter Obst Abo, ist das eine Beschimpfung: Du bist nur Pop.

Ja, ich gebe es zu. Vielleicht habe ich mich etwas angestellt. Aber ja, meine Schreiberseele fühlte sich arg beschissen und ich dachte an Aufgabe von allem. Mir. Schreiben. Kurzzeitig auch atmen. Und so weiter. Drei Tage lang kämpfte ich gegen irgendwas in mir und versuchte, wieder Boden unter den Füßen zu spüren. Ich blätterte wie von Sinnen durch die Berge meiner journalistischen Veröffentlichungen und schlug mir mit meiner ersten Buchveröffentlichung vor die Stirn und zeichnete für jede von 600 Kurzgeschichten einen imaginären Strich auf eine imaginäre Wand. Traurig sah ich Tag für Tag auf das Interview in der SZ und erinnerte mich an das wunderbare Blogstipendium. Aber besser ging es mir nicht. Albern, aber leider wahr. Für mich war das der super Gau. Ich bin noch nie so komplett verrissen worden. Ich schickte die Texte an Freunde und andere PRler, und keiner verstand, worum es wirklich ging. Sicher, da waren sicher Schnitzer drin. Natürlich habe ich mir nicht gedacht, ich liefere da einen Text ab und die segnen den zu 100% ab. Nein. Ich hatte mit einer Korrekturphase gerechnet. Wie es halt üblich ist, man setzt sich hin und bespricht das. Aber die fiel ja nun aus.  Und ich glaube im Nachhinein auch, es ging gar nicht um die Texte. Es ging um was anderes. Aber das wurde mir erst am Ende klar. Jedenfalls ging angeblich keiner der Texte. Nicht ein Satz war ihnen gut genug. Ich fragte mich, ob die eigentlich meine acht Textproben gelesen hatten, vor der Einstellung. Hatte ich diesen Job nicht aufgrund meiner Schreibe bekommen? Ich wußte nicht mehr, worum es wirklich ging.

Die Geschichte ist hier lange noch nicht zu Ende. Es wird nur noch richtig lustig. Wenn man es mit Abstand betrachet. Morgen geht es weiter.

©Rose

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3 Kommentare zu “Textabgabe der besonderen Art. Eiskalt abserviert. Die Jobgeschichte. Zweiter Teil.

  1. Na, da hat ja der Hausbesetzer eine 180-Grad-Wendung hingelegt. Vom Hippie zum Turbokapitalisten. Aber immer ego.
    Ich kenne solche Leute, warum ich auch um dieses Berufsfeld einen Bogen gemacht habe.

  2. Ich möchte eher behaupten: vom Hausbesetzer zum Kompetenzsimulanten. Also handelt es sich hier um eine 360°-Wendung, diese Leute drehen sich ewig im Kreis.

  3. Selbstverliebte Gockelei.
    Dreckstyp.
    Diese Art von Chefs macht mich sehr wütend.

    Wenn man will, kann man jeden Text auseinander pflücken, von Thomas Mann bis Herta Müller und sich über Stil und Inhalt mockieren.

    Kritik ist wichtig und auch oft notwendig aber bitte sachlich.
    Kopf erhaben halten, bitte.

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