Wenn der Iro glattgebügelt wird: Business Punk. Oder: Was hat die Redaktion da geraucht

Am Freitag gekauft und auf der Fahrt nach Hause gelesen: Business Punk. Höhöhöhö. Was habe ich gelacht! Dann habe ich mich gefragt: Was ist denn das? Satire für Überflieger-Manager? Oder Ratgeber für den Nachwuchs? Nein, das können die Macher von Gruner & Jahr nicht ernst meinen! Wirklich nicht.

Ein Magazin, dass Lifestyle (so voll schick und trendy und so) mit Wirtschaftsthemen (so voll knallhart und so) verbinden will. Für die Zielgruppe männlich zwischen 25-39. Ist das allein schon ein Scherz? Frauen, die in der Wirtschaft eh sträflich unterrepräsentiert sind, fallen auch hier komplett aus der angepeilten Leserschaft raus? Auf der Website dieser Publikation steht dann Folgendes:

Wir machen ein Magazin für alle, die etwas bewegen und Erfolg haben wollen. Für die ein Job mehr ist als ein Job, weil er ihr Leben definiert und sie antreibt. Die bereit sind, sich für ein Projekt reinzuknien. Für die Uhrzeiten nur eine Art Richtgeschwindigkeit sind und Schlaf ein notwendiges Übel, weil sie nach Büroschluss mit Kollegen oder Freunden feiern. Auch mal bis in den frühen Morgen. Wer dieses Leben kennt, ist bei Business Punk richtig.

Also doch ein Quatschblatt? Das kann doch keiner vollen Ernstes so unterschreiben. Ich finde es irgendwie lustig.  Schlaf ein notwendiges Übel. Hahaha. Wenn es eine Satirezeitschrift sein soll, ist das mit der Credibility  (um jetzt hier mal schön global  und auch trendy zu wirken) so eine Sache, wenn als Verlag Gruner & Jahr hinter dem Produkt steht. Unser Job ist unser Leben. Das wird hier so kristallklar und selbstverständlich in den Raum gestellt. Ich finde das bedenklich. Klar, arbeiten olé olé. Aber mein Leben ist mein Leben, nicht mein Job. Hier könnte ich lang und breit philosphisch schwadronieren, aber lassen wir das. Der Job bestimmt das Leben und das ist auch gut so. Ist doch eine ungesunde Weltsicht. Wahrscheinlich muss man sich von der Gegenseite wieder anhören, man sei faul und ambitionslos, wenn man hier nicht mit Blut unterschreibt.

Die Gleichsetzung von Punks und modernem Unternehmer finde ich grenzwertig. Das erinnert mich so an diese Autowerbung, in welcher „Ikonen“ der Revolution (Che, Marx, Gandhi…) verheizt werden, um ein Produkt zu bewerben. Eine Entwertung der Werte. Kommunisten für Kapitalismus. Mir hat sich der Magen umgedreht. Wie bei der Liste der Top20 Business Punks. Donald Trump? Chefs von RWE, McDonald’s und Mercedes? Kommt Sascha Lobo auch noch? Ist das die Zielgruppe? Meiner Auffassung von Punk kommt das nicht gleich und es ist mir zuwider, den Begriff für die Wirtschaft zu verwässern. Ob the real Punk nun dead ist oder nicht, ist mir egal. Das wofür er stand und steht ist noch da im Bewusstsein: Rebellion, Non-Konformität! Das wird jetzt auf Super-Manager und solche to be übertragen? Wieder: Ist das ein Witz? Bitte ja, sonst verliere ich den Glauben an die Menschheit.

Ist das Provokation aus dem Verlag, gerade in den Zeiten nach der vielbeweinten und beschrieenen Krise, den Machern den Spiegel vorzuhalten? Dafür dann solche Ausgaben (das Heft ist hochwertig gemacht, gute Anzeigenkunden…)?

Ich muss die Zeitschrift wohl noch einmal gründlicher lesen, um mir ein klareres Bild zumachen, oder die nächste Ausgabe abwarten, wenn es denn eine gibt. Hier liegt sie vor mir. Allein das langweilige Titelbild. Branson (Gründer von Virgin Records) als Prototyp des Business-Punk. Gäääähn. Simpler hätte man da wohl nicht rangehen können. Dann natürlich die Geschichte über die Sekretärinnen, als dem „schönsten Klischee“ im Büro. Da wusste ich schon nicht mehr, ob ich jetzt lachen und wutschnaubend ein Abo von der Emma einholen soll.

© Simone

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12 Kommentare zu “Wenn der Iro glattgebügelt wird: Business Punk. Oder: Was hat die Redaktion da geraucht

  1. Klasse Beitrag! Das Leben, wie es die Zeitschriften-Website beschreibt, würde ich auch niemals führen wollen – wobei, ich gehöre als Frau ohnehin nicht zur Zielgruppe. Aber ob Männer, „die etwas bewegen wollen“ überhaupt Zeit dafür haben, sich mit einer Zeitschrift zu beschäftigen?? Ob man da wohl die notwendige Marktanalyse angestellt hat?

    Die sprachliche Sorgfalt ist wohl auch leider hintenangestellt, ich würde ja sagen, man kniet sich „in“ ein Projekt rein, nicht „für“. Aber um solchen Kleinkram sollen sich wohl mal lieber die Sekretärinnen kümmern, was?

  2. Ich könnte mir vorstellen, dass das die Zeitung im Rhein Main Gebiet durchaus Anklang findet. Hier gibt es extrem viele deren Leben nur aus Arbeit (16 Stunden am Tag) besteht und danach noch einen Feiern gehen (auch Resteficken genannt). Ob das allerdings gutzuheißen ist, bleibt jedem selbst überlassen. Mir persönlich sind meine Freizeit, Freiheit und Freunde wesentlich wichtiger.

  3. Gibt doch auch diese Werbung, irgendwas mit „der neue Punk“ und das dies Verantwortungsbewusstsein sei und so weiter.

  4. Lächerliches Credo, was die Zeitung/Redakteure versuchen zu etablieren. Das funktioniert vielleicht in New York oder einem vor Klischees triefendem Hollywoodstreifen, ernst meinen, können die es aber nicht.

    Der Job = mein Leben funktioniert mMn nur bei < 10% der arbeitenden Bevölkerung…

  5. Finde ich seltsam wie hier geschrieben ist. Offensichtlich sind hier viele Arbeitslose unterwegs. In DE gibt es sehr viele die Vollzeit und mit Elan und Überstunden arbeiten. Grosse und kleine Projekte.. Und wenn man bisserl raus aus den Konventionen springt, ist das doch toll?

    Ich finde das Blatt gut, aber so wie es scheint, gibt es nur depressive und wütende Menschen in Deutschland die so etwas lieber zerreissen.

    Kein Wunder das Deutschland wirtschaftlich abfällt und immer mehr zu einem spiessigen Kleingartenverein wird.

    Flambi

    • Oh, ja, in diesem Land sind wahrhaftig eine Menge Arbeitslose unterwegs. Das beweisen ja die Zahlen. Das haben wir uns nicht ausgedacht. Nee, jetzt mal im Ernst, klar gibt es viele die tolle Jobs machen. Mal so nebenbei: Wir sind extrems auf der Suche nach einem solchen „Job“. Aber was Business Punk in etwa als Message rüberbringt ist: Das Leben ist nur Arbeit.

      Und das ist Quatsch.

      Eine gute Anstellung zu haben ist wunderbar, und jeder der seine 40 Stunden oder mehr pro Woche in seinem Traumjob verbringen darf: Wunderbar. Das ist auch unser Ziel.

      Trotzdem ist so ein wischi waschi blah blah Magazin wie Business Punk sicherlich nur ein Magazin für eine bestimme Zielgruppe. Diese von der Werbeindustrie erfundene, arbeitssüchtigen wannabe Yuppie Hedonisten, die sich heimlich „Gewinnmaximierung“ auf drei Nasen Koks in die Achselhöhle tätowieren lassen.

      Wir haben nichts gegen Arbeit – im Gegenteil. Aber wir haben was gegen so schwachsinnige Magazine.

  6. Das steht eben NICHT in der Zeitschrift. Das sagen nur Leute hier.

    Es braucht nun einmal Vorbilder die zeigen wie kreativ und grenzenlos man handeln kann.

    Sie sind auch nicht erwerbssüchtig, sondern wollen was auf die Beine stellen. Und sie freuen sich dabei. Das ist etwas positives, und nicht etwas negatives. Man nennt es „für sich den Sinn finden“, das was viele nie hinbekommen.

    Gründet selber Firmen, baut was auf. Zack Zack! Wir brauchen Unternehmer und Abenteuerer. Keine Beamten und Bedenkenträger.. Arbeit kann man sich holen, erschaffen.

    Flambi

    • Klar kann man sich Arbeit selber erschaffen. Aber man muss ja auch Geld damit reinholen. Das sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Und zur meiner eigenen Person kann
      ich nur sagen: Ey, ich hab schon mal ne Firma gegründet. Ist zwar Jahre her, aber was solls. Ging vier Jahre gut, dann brach die Wirtschaft das erste Mal ein, ist ja gerade ein Loop in dem wir hängen.

      Und ich glaube, weder Simone, noch ich, streben eine Beamtenkarriere an. Selten so gelacht, wie gerade. Danke.

      Man kann ich Deutschland nur minimal und grenzenlos handeln. Aber das ist ein ganz anderes Lied. Und auch die der Versuch von „Business Punk“ zu simulieren, es sei ALLES möglich hilft dabei wenig.

      Aktuell ist so wenig möglich wie seit Jahren. Das ist keine schwarzmalerei. Das ist eine Tatsache.

      Rose

      Ps.: Wir möchten auch gerne was auf die Beine stellen. Wir engagieren uns in diesem Blog, denken uns Soziale Projekte aus, schreiben wie die Bekloppten Bewerbungen und lassen uns regelmäßig, wie etliche andere, bei Vorstellungsgesprächen auseinander nehmen. Wir sind auch mehr für Macher. Aber: Gerade ist es verdammt schwierig. Und ich kann es nicht mehr hören: Manch einer tut so, als würden wir zwei uns glücklich depressiv in dieser beschissenen Situation suhlen. Von wegen. Diese Arbeitslosigkeit und Aussichtlosigkeit trotz Berufserfahrung und Qualifikation macht uns bräsig. Und dann kommen so bescheuerte Magazine wie Business Punk auf den Markt und verwischen die Realtität zu einem Hochglanzmist, dass kann man gar nicht in Worte fassen. Ich bin es wirklich leid, dass manch einer hier immer meint, uns ginge es super mit der Situation und wir würden ja nichts ändern wollen und würden freudig darüber jammern. Bullshit. Das ist wirklich … fürchterlich. Welch Arroganz….

  7. Ich bin gar nicht wütend. Auch nicht auf das Blatt und seine Macher. Ich bin auch nicht depressiv. Macher braucht das Land, das sehe ich genauso. Aber dieses Bild, dass hier im Business Punk gezeichnet wird ist…ja, ÜBERzeichnet. Wenn du es magst und dich da wieder findest, ist das doch schön für dich. Es gibt ein schönes Wort, das heißt „Lesart“. Meine habe ich in dem Text beschrieben. Deutschland wird zum spießigen Kleingartenverein? Spielen wir mal weiter uns stellen und vor die meisten lebten die Maxime des BP. Dann hätten wir lauter Ego-Kleinstaaten. Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte. Mir gefällt das propagierte Arbeitsbild aus genannten Gründen jedenfalls nicht und ich kann mir immer noch nicht helfen: es klingt so nach Satire…

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