In Bewerbungs-Absurdistan regiert schon mal die laute Stimme – Post von den Lesern

Jessica, eine ambitionierte Designerin a.D. hat ein bizarres Vorstellungsgespräch mit einem echten Egomanen hinter sich gebracht. Als „Therapie“ hat sie es aufgeschrieben und uns zukommen lassen. Vielen Dank dafür. Das Ergebnis einer Initiativbewerbung:

Ich bin freiberufliche Designerin im Bereich Messe und Event. Ich wurde von der Personalerin einer Berliner Agentur aus eben diesem Bereich angerufen, die sich auf meine Initiativbewerbung hin meldete. Das Telefonat verlief freundlich-friedlich, der Frage nach dem Gehaltswunsch bzw. Tagessatz wich ich aus, der kurzfristige Kennenlern-Termin wurde gemacht.

Ankunft in der Agentur. Eine sehr, sehr junge unsichere Sekretärin weist mich an zu warten. Der Wartebereich liegt direkt vor den teilverglasten Besprechungsräumen.

Aus eben diesen ertönt cholerisches Geschrei, das eigentlich nur einem Chef zusteht. Es werden Schuldzuweisungen und sehr unreflektierte Kommentare über ein wohl soeben abgeschlossenes Projekt verteilt von diesem „Chef“, es ist alles sehr deutlich zu verstehen an meinem Platz. Ich ahne, dass ich in diesem Moment eigentlich wieder gehen sollte, denn gleich nach einem solchen emotionalen Ausbruch eben diesen“Chef“ zu einem lockeren Kennenlernen zu treffen ist…sagen wir…suboptimal. Ich bleibe.

Das Getöse endet, zwei Damen kommen zerknirscht aus dem Raum, gefolgt von einem stark erröteten „Chef“. Die Personalerin bittet mich in genau jenen Raum hinein. Sehr netter Smalltalk über das Umziehen von Köln nach Berlin, das sie wie ich auch gerade hinter sich hatte. Soweit also alles safe, wir verstehen uns. Dann kommt „Chef“ wieder rein, immer noch sehr errötet, um Freundlichkeit und nötige Geduld offensichtlich bemüht. Ich stelle mich vor,“Chef“ fällt mir ins Wort:

„Waaas, das kann man studieren!?“

Ja nun, ich habe ja ein Diplomzeugnis dieser Universität bekommen. Ich beginne mein Portfolio zu zeigen. „Chef“ unterbricht wieder, er kenne die Branche, er kenne die Agentur, in der ich vorher gearbeitet habe.

„Wissen Sie eigentlich, dass Sie von unserem großen Konkurrenten kommen?“

Was soll ich sagen, die Szene ist nicht groß, natürlich weiß ich es, ich ahne bereits Schlimmes…

„Wissen Sie, was man über Ihre Agentur sagt?“

Ich möchte es gar nicht wissen, es ist ja auch gar nicht mehr „meine“ Agentur. Er erzählt es mir trotzdem, es ist nicht besonders freundlich, ich hatte schon davon gehört, mir ist es aber egal. Er wartet mit verschmitztem Lächeln auf meine Reaktion. Ich zucke mit den Schultern, was soll ich dazu sagen, ich weiß ja, was die Agentur kann und v.a. was ich kann.

„Ist der Spruch denn bis zu Ihnen in alle Abteilungen durchgedrungen, haben Sie davon gehört?“

„Ja, ich habe davon gehört.“

„Und, wie haben DIE reagiert?“

Er wartet wieder auf meine Reaktion, ich sage etwas Neutrales und beobachte die Personalerin, die etwas verunsichert neben „Chef“ sitzt.

Ich fahre einfach fort, mein Portfolio vorzustellen.“Chef“ greift wieder ein:

„Das Projekt, das Sie da zeigen ist ja nur ein Pitch (Wettbewerb), denn den haben wir gewonnen, zeigen Sie mal, das entspricht ja überhaupt nicht der Marke (des Kunden), was Sie da gemacht haben!“

Aha, das ist nur Ihre Meinung…als Beweis genügt Ihm aber, dass wir ja offensichtlich das Projekt nicht gewonnen haben. Weiter. Nächstes Projekt.

„Schau mal (die Personalerin ist gemeint), wie DIE das machen!“

Dann lästert er wieder.

„Ha, das ist auch ein Pitch, das sehe ich gleich, solche absurden Renderings macht man nur für Wettbewerbe! Den haben sie aber sicherlich auch nicht gewonnen!“

Über allen Projekten in meinem Portfolio steht exakt vermerkt, welches Projekt in welchem Rahmen visualisiert wurde und wie weit es umgesetzt wurde. Ich erwähne das auch immer nochmals mündlich und erkläre auch sehr deutlich, was ich genau bearbeitet habe bei jedem Projekt. Es wird deutlich, dass er mein Portfolio gar nicht gelesen hat (was ich aber schon als normal empfinde) und auch nicht zuhören kann oder möchte. Er beginnt wieder, auf „meiner“ Agentur herumzureiten, bei der ich zu dem Zeitpunkt schon einige Monate nicht mehr gearbeitet hatte. Ich zeige inzwischen weitere Projekte, die in einem ganz anderen Rahmen entstanden sind, das bekommt er aber gar nicht mehr mit. Er redet sich in Rage und fängt an von sich und seinen Leistungen zu erzählen und wie er seinen Laden aufgebaut hat „aus dem Nichts“.

Kurz wird nun geklärt, was ich der Agentur alles anbieten kann als Designer. Ich bin dabei sehr deutlich, was ich mache und was ich nicht mache, um spätere Missverständnisse zu vermeiden (speziell bei cholerischen Typen…).“Chef“:

„Ich brauche Leute, die für mich arbeiten und mir zuarbeiten, ich mache die kreativen Konzepte und ich mache die Ansagen,… etc.“

Ich verstehe Ihn schon sehr deutlich, er erzählt aber weiter von sich. Ich fange sehr betont an, meine Mappe wieder einzusammeln und zusammenzupacken, stelle meine Tasche neben mich auf den Stuhl und balle unter dem Tisch die Hände. Es wird die deutliche Geste nicht bemerkt von ihm. Es kristallisiert sich endgültig heraus, dass er kein Teamplayer ist und mehr an meiner alten Agentur und deren Arbeitsweise und Diffamierung interessiert ist, als an mir. Er muss kurz hinaus, um zu telefonieren.

Die Personalerin, die die ganze Zeit keinen Ton gesagt hat, zu mir:

“ Warum sind sie so ehrlich, mit dem was sie machen und was sie nicht machen?“

Ich: „Damit es keine Missverständnisse gibt und sie mich nicht mit etwas beauftragen, das ich ihnen nicht liefern kann.“

Sie schaut mich an wie ein Auto. „Chef“ kommt wieder. Die Personalerin zeigt ihm einige Illustrationen und Zeichnungen von mir, nachdem ich daraufhin gewiesen habe, dass ich auch illustriere. Es kommt keine Reaktion, dann aber „Chef“ plötzlich:

„Was verstehen Sie unter einer guten Bühnen-Architektur?“

Ich erkläre es ihm, es nimmt ihm aber dummerweise den Wind aus den Segeln, denn offensichtlich habe ich ausnahmsweise dieselbe Auffassung wie er. Er ist nun offensichtlich verwirrt und guckt mir gar nicht mehr in die Augen, nachdem er auch vorher im Gespräch meinem Blick immer auswich. Nun geht es um den Tagessatz – ein ganz heikles Thema in Berlin. Ich erläutere meine Vorstellung, das Geschrei geht los:

„Chef“: „Ja, wenn sie ihre Villa in Dahlem abbezahlen wollen, dann müssen sie natürlich solche Tagessätze verlangen…! Und überhaupt, seien sie froh in Berlin zu sein, das ist ja die Stadt momentan, hier ist alles und jeder…was wollen sie denn noch in Köln…(usw.usw.usw.)“

Blablabla.

Die Personalerin: „Eben! Was ich an Berlin so toll finde als Personalerin, ist, dass man hier so tolle Gestalter für die Hälfte von dem bekommt, das man im Westen bezahlen müsste!“

„Chef“: „Also, da habe ich schon bessere Illustratoren gesehen, die machen das für die Hälfte! Oder die machen dann sogar gleich alles!“

Ich denke mir: Wie schön für sie, dann brauchen Sie mich ja gar nicht und ich kann endlich gehen. Wir einigen uns darauf, dass man ja über Preise reden kann.

„Chef“: „Normalerweise lassen wir eh die Leute erstmal bei einem Projekt Probe arbeiten!“

Das bedeutet in Berlin für den Preis eines U-Bahn-Tickets am Tag zu arbeiten. Mir reicht es, ich stehe auf und ziehe meine Jacke an, „Chef“ krakelt einfach weiter, die Personalerin sieht unglücklich aus.

Auf Wiedersehen, ich muss los, das Personal in meiner Dahlemer Villa wartet auf weitere Anweisungen, wir lassen gerade renovieren. Das Paradoxe ist, dass die Agentur so ähnlich wie „Ins Paradies“heisst – tja, wohl adequater wäre „Ins Pech“.

Ich studiere jetzt übrigens wieder – u.a. Management und Teambuilding…

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6 Kommentare zu “In Bewerbungs-Absurdistan regiert schon mal die laute Stimme – Post von den Lesern

  1. Da kann ich nur zustimmen. Das hätte ich mir auch nicht gefallen lassen. Spätestens nach dem zweiten Kommentar über meinen Ex-Arbeitgeber wäre ich ebenfalls gegagen. Die waren nicht wirklich an einer Einstellung dieser Dame interessiert, sondern wollten mal so über die Konkurrenz rumschnüffeln.

  2. Wenn ich sowas schon höre…

    Ich habe auch eine Grafik-Design-Ausbildung, allerdings wurde ich immer darauf hingewiesen, dass ich mich in Gegenwart anderer „Design-Chefs“ ja nicht dazu verführen lassen sollte, über andere Designer schlecht zu sprechen, da sich ja angeblich „alle“ untereinander kennen und das dann immer gepetzt wird und man dadurch niiiiie wieder einen Job in der Branche kriegt…

  3. …ich halte es da mit Heinz Strunk:
    „Die Pferdedecke des Schweigens bleibt im Picknickkorb, denn den Mund halten in der modernen Häppchengesellschaft schon viel zu viele.“

  4. Ich finde auch, man muss sich nicht alles gefallen lassen. trotzdem kann man sich als Bewerber ja einbisschen geschickter anstellen, wenn man eine Job wirklich haben möchte. Zum Beispiel hätte die Bewerberin versuchen können, einen weiteren Termin zu vereinbaren, um mit dem Chef noch einmal in Ruhe zu sprechen. Choleriker haben nun einmal die Angewohnheit starken Stimmungsschwankungen ausgesetzt zu sein. Am einem anderen Tag hätte sie ihn eventuell in bester Laune erwischt und er hätte ihre Entwürfe gelobt und alles wäre tutti gewesen.
    Auch bei dem Gehaltswunsch, hätte si eisch diplomatischer verhalten können. Teilweise finde ich es ganz schön arrogant, was manche Leute meinen verdienen zu müssen. Und wenn man nach Berlin kommt, sollte man sich vorher im Klaren sein, dass hier ein anderes Gehalst- und auch Lebensniveau herrscht. Schließlich zahlt man auch für die Miete weniger als in Köln, also kann man sich auch leisten, etwas weniger zu verdienen.

  5. Hallo+Gruss,

    das ist leider nicht mehr alles ganz so einfach in Berlin mit diesem generellen Argument, alles sei billiger.
    Auch in Berlin ändern sich die Mietpreise und Lebensunterhaltskosten sehr zügig, Aldi bleibt Aldi, Tengelmann Tengelmann,
    egal ob Ost oder West.
    Und in den „zentraleren“ Stadtteilen dürfen sich Vermieter über massiv gestiegene Mietspiegel freuen – wie im „Westen“!
    Natürlich gibt es mehr Ausweichmöglichkeiten nach aussen als zum Beispiel in Köln.

    Und natürlich sollte jedem Bewerber klar sein, dass die generelle Gehaltshöhe in Berlin unter dem Westdeutschen Satz liegt, dennoch muss man als Freiberufler doch auf einen gewissen Tagessatz kommen, um seine Versicherungen und Sozialabgaben bewältigen zu können.
    Was momentan in Berlin passiert, ist ein völlig absurder Preiskampf, von dem letzten Endes nur die buchenden Agenturen profitieren,
    sich die Designer jedoch untereinander die Preise kaputt machen.
    Der Markt ist übersättigt, das Angebot riesig, klar.
    Da dies aber die Agenturen wissen, hauen sie bei solchen Gesprächen gerne solche albernen Sätze heraus wie in diesem Fall.
    Insofern kann eine gewisse Arroganz auch auf Seiten der Bewerber nicht schaden – nur bitte nicht übertreiben.

    Was den Choleriker angeht:
    es ist als „Chef“ oder Geschäftsführer doch wahrhaft kein professionelles Verhalten, sich so aufzuführen – und dann auch noch so offensichtlich Informationen vom Bewerber abzufragen zu versuchen.
    Das dürfte sich ein Bewerber schliesslich auf der anderen Seite auch nicht erlauben, nur weil er einen schlechten Tag hat.
    Ich finde, das darf keine Entschuldigung sein und ist schlichtweg unprofessionell.

    Wenn man einen Job wirklich möchte oder einen Kontakt zu einer Agentur, dann könnte man natürlich ein weiteren Termin vereinbaren, jedoch sollte man ein Gefühl dafür entwickeln, ob es sich lohnt oder ob das Arbeitsverhältnis auf Grund schlechter Chemie dann sowieso kein leichtes sein wird.
    In diesem Fall ist Letzteres doch wohl eher der Fall…

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