„Ich brauche Sie, ich will mal wieder Urlaub machen…“

Die Würfel sind gefallen. Die Wahlen sind vorüber.  Was steht uns bevor? Sollen Geschichten, wie die folgende immer weitere Fortsetzungen bekommen?

*räusper*

Sehr verehrte Damen und Herren, hier nochmal ein Erlebnis aus meiner früheren Periode. Wo mich ein gewisse „Arroganz“ noch davon abhielt für einen Hungelohn zu arbeiten. Diese Arroganz ist mittlerweile bitterer Erkenntnis meiner Möglichkeiten gewichen. Aber dieses Thema hat sich hier ja fast schon Tod geritten. Dennoch: hiermal das Ergebnis eines meiner ersten Vorstellungsgespräche.

Hierfür musste ich in den Randbezirk einer großen Stadt, deren Wahrzeichen eine schöne alte riesige Kirche ist. Ich habe kein Auto und bin dann mit ÖPNV dorthin gepilgert. Jip, gepilgert. Kerkeling dürfte auf dem Jakobsweg nicht länger unterwegs gewesen sein als ich. Der Bus, dessen einzige Passagierin ich war, spieh mich am Ufer eines großen deutschen, oft besungenen Flusses aus. Was für eine prachtvolle Gegend! Super. Villen wohin das Auge blickte. Ich war natürlich viel zu früh da und schaute mir ein wenig die Gegend an. Könnte ja bald mein Arbeitsumfeld sein, dachte ich. Ich war begeistert. Nee, wat schön! Nach einer halben Stunde Sightseeing machte ich mich auf den Weg zur Agentur. Wo war sie denn? Hmm, irgendwie fehlte die Hausnummer. Ich ging durch das Tor, durch den Garten und versuchte ein Zeichen auf die Agentur zu entdecken. Nix. Auf dem Klingelschild dann der Hinweis: ich war richtig. Ich klingelte und stand unten in einem Flur, der zu einer anderen Wohnung gehörte. Dann stakste ich nach oben (mit meinen damals frisch gekauften und noch nicht eingelaufenen Stiefeletten) und stand in einer Kreuzung aus Privatwohnung und Agentur. Nicht unhübsch, aber anders, als ich erwartete. Ich wurde in einen Raum an einen ovalen Tisch gebeten. Die Chefin entschuldigte sich, sie müsse gerade noch etwas weg arbeiten. Immerhin gab es da zu tun.  Sie rauchte einige Zigaretten dabei weg und ich hatte Zeit mich umzuschauen. Beim Blick auf den Rest der Wohnung fiel mir auf, dass es an Räumlichkeiten fehlt. Es sollten hier 3 Volontäre eingestellt werden. Wohin mit denen? Laptop-Schoß-Treppe? Abwarten.

Nach einer Viertelstunde war die Chefin für mich bereit. Aus einem anderen Raum kam noch jemand hinzu. Beide erklärten, was sie in den nächsten Monaten vorhaben. Die Agentur (das 1-Frau-Unternehmen wie ich jetzt weiß) will sich vergrößern (Ach? Mit drei Volos? Aha!) und in dem Bereich, für den die Agentur tätig ist, die Kapazität im deutschsprachigen Markt werden. Ich bekam den Businessplan erläutert und fand den auch interessant und sah da auch als Laie Potential. Das klang alles sehr interessant. Ich fragte mich nur, wie man das höhere Ziel erreichen möchte, mit 1,5 qualifizierten Mitarbeitern und drei Volos. Ok, so habe ich mir die Frage schnell selbst beantwortet. Es sei so, dass die Volontäre schnell ins Tagesgeschäft eingebunden werden sollen (finde ich super), schnell Verantwortung übernehmen (finde ich super) und die Chefin entlasten (finde ich verständlich und ok) und dafür dann 700Euro brutto dafür erhalten (finde ich ###). Das hat alles kaputt gemacht. Die Zielsetzung und die Arbeit fand ich sehr interessant. Als Schmankerl obendrein kam noch der Spruch von der Agenturleiterin: „Wissen Sie, ich brauche Sie, ich hatte schon so lange keinen Urlaub mehr…“  Na, dann fange ich doch sofort an. Schreiben Sie aber bitte eine Postkarte…pfft.

Wenn man sich vergrößern will, sich profilieren möchte, kann man das doch nicht mit Dumpinglöhnen und Berufsanfängern machen. Doch kann man. Ist ja einfach. Sollte man aber nicht. Pfui! Berufseinsteiger, die man dann alles Lästige wegschaufeln lässt und sich dann erstmal in die Sonne legt. Na logo.

Das war bizarr. Einerseits war die Chefin schon ganz nett und die in Aussicht gestellten Möglichkeiten auch. Aber dann die Klöpse mit Lohn, Arbeitsalltag und dem tollen „Verplapperer“. Da schreckt man dann doch zurück. Und: NEIN, man darf nicht jeden Job annehmen und sich zum A**** machen lassen. Nein, man muss sich nicht unter Wert verkaufen. Nein, das ist nicht arrogant. Nein, das ist nicht naiv. In der Not frisst der Teufel Fliegen. Igitt, sag ich da nur.  Ich kenne zwei andere, die sich dort auch vorgestellt haben und aus denselben Gründen abgelehnt haben. Wer hat den Job genommen? Wer musste dafür noch das fabulöse „aufstockende Hartz IV“ beantragen? NÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄ, geht so nicht!!! Macht das nicht, Leute. Die, die ihr das macht, haltet solche Stellen aufrecht. Das ist unfair. Allen gegenüber.

So sehe ich das. Aber: würde ich die Zeit zurück drehen können, ich nähme das Angebot wohl an. Hm, jetzt widerspreche ich mir ganz schön. Stimmt. Ich bin halt hin- und hergerissen. Ich kann was und möchte dafür anständig bezahlt werden. Die Erfahrungen der letzten Monate haben aber auch gezeigt, dass ich nicht wählerisch sein darf, ich quasi in einen solchen schlecht bezahlten Job gezwungen werden könnte. Wenn ich es zuließe. Wie lang noch kann ich Nein sagen? Nach einem Jahr hätte ich die tolle Berufserfahrung und könnte dann endlich auf bessere Positionen hoffen. Noch ein Jahr darben.  Hätte, Könnte, Wollte. Allein die Fahrtkosten hätten mein „Gehalt“ aufgefressen. Umzug hätte sich auch nicht rentiert.

Habt ihr solche Angebote schon auf dem Tisch gehabt? Habt ihr’s gemacht? Warum? Warum nicht?

© Simone

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6 Kommentare zu “„Ich brauche Sie, ich will mal wieder Urlaub machen…“

  1. Prinzipiell ist es schon klar, das junge aufstrebende Unternehmen selten die Gehälter der etablierten zahlen können, bieten sie jedoch tolle Chancen schnell mit den Aufgaben zu wachsen und früh Positionen einzunehmen von denen z.B der Großverlagsvolontär nicht zu träumen wagt. Schlappe 700 Tacken sind jedoch zu viel zum Sterben und zu wenig zum Leben. Im Endeffekt kann der Businessplan nicht funktionieren wenn das Wachstum nicht reicht um seine Angestellten zumindest das „Überleben“ zu ermöglichen.
    Ich finde Deine Einstellung konsequent und muss folgende „Weisheit“ bemühen: Wenn alle sich so verhalten würde, wäre schon viel getan. Dummerweise ist da jedoch die olle Kamelle von Markt und Nachfrage, sodass auch diesem Fall sich ein williger Sklave gefunden haben dürfte.

  2. Ah, die Story. Hattest du mich da als Mitbewerber nun mit einberechnet? Leider haben die mir ja abgesagt und nicht andersherum. Und soweit ich mich erinnern kann sollte es doch nach 3 Monaten mehr Gehalt geben, oder hatten die dir echt für das ganze Volo nur 700€ geboten?! Naja, ich kenn ja die Person die jetzt als einer der drei Vollis da arbeitet und sich nun für ganz wichtig hält, weil sie „die rechte Hand der Geschäftsführung“ sei. *lol*

    • Es hieß nach drei Monaten „könne man mal darüber sprechen, ob man eine Gehaltserhöhung von bis zu 150 brutto“ verdient habe…

  3. Oh ha. Ich glaube, du warst vor mir da und nach einer Reihe von Absagen haben die es sich glaube ich dann nochmal anders überlegt. Bei mir hieß es: Erst drei Monate Praktikum für 700€, danach 1000-1100€ und evtl. nach einem Jahr nochmal etwas mehr. Ich meine für 1000/1100 € brutto kann man auch keine großen Sprünge machen, aber es ist schon ein Unterschied zu 700€ brutto.

  4. jop hatte/habe solche Angebote auch. ebenfalls 3×6 Monate gestaffelt a 800, 900, 1000€. Scheiterte aber an einer Absage 😉
    Genauso wie echt gute Angebote von 2 Agenturen ;-(
    – nach dem Probearbeiten und alnger Warterei dann doch die Absage, obwohl es vorher gut aussah…
    Jetzt verdiene ich trotzdem Geld, wenn auch in nem anderen Job bei der „etwas anderen Agentur“ 😉
    Aber erstmal (gutes) Geld und nicht nix machen + weiterbewerben.

    Wir schaffen das schon!

  5. So ähnlich wirds wohl auch bei mir laufen. Werde noch ein paar Bewerbungen rausschicken und wenn ich dann (wie erwartet) bis Ende des Jahres nichts habe, werde ich meinen derzeiten Job aufstocken und damit erstmal für 1 Jahr Geld verdienen.

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