UNS GIBT ES NICHT UMSONST. Wie man ohne eigene Lobby streikt. Geht das? Wir wollen aufstehen…Praktikantenstreik

„Uns gibt es nicht umsonst!“

Unter diesem Motto werden hoffentlich viele zukünftige Ex-Praktikanten am 9. Oktober auf dem Potsdamer Platz in Berlin demonstrieren. Initiiert von acht Praktikumserfahrenen Menschen und mit Unterstützung von Fairwork e.V. (sie bei unseren links), ver.di, GEW Berlin, DGB Jugend under der taz-die tageszeitung, soll auf die Generation Praktikum aufmerksam gemacht werden. Gefordert werden

  • klare und gerechte arbeitsrechtliche Regelungen
  • Verbot der Substitution von Vollzeitarbeitsplätzen durch Praktikanten
  • Lebensunterhalt sichernde Vergütung für akademische Praktikanten
  • faire Arbeitsbedingungen (u.a. Vertrag, Lernverhältnis, Arbeitszeiten, Urlaub)
  • Begrenzung der Praktikumsdauer auf max. 6 Monate

Das erinnert mich alles an meine Uni-Zeit, als wegen der drohenden Studiengebühren protestiert wurde. Ein Professor von mir sagte, es sei ja schwachsinnig, wenn Studenten demonstrieren, sie haben keine, nicht die geringste Machtposition. Ob der Einzelne studiere oder nicht, sei der Universität und dem Staat egal. Der Student hat kein Gegenmittel. Wenn er nicht studiert, dann halt nicht. Was diese Demos gebracht haben sehen wir heute. Aber genug der Unkenrufe. Wir müssen aufstehen, echt Leute. Kann doch nicht so weiter gehen. Das sage ich, die gerade wieder aus der Not heraus ein Praktikum für ohne Geld angenommen hat!!

Der arbeitslose Akademiker und ausgebeutete Praktikant war im Wahlkampf überhaupt kein Thema (außer es handelt sich um Ingenieure, schon klar). Stattdessen wird, wenn es in diese Richtung geht, von zukünftigen Leistungseliten gequatscht. Wer Herrn Westerwelles Antwort auf die Frage der Studentin nach den Studiengebühren gehört hat, weiß, was ich meine. Seine Partei, die schreckliche FDP, hat denn auch folgendes auf Anfrage zum Thema Praktikanten und Akademiker-Arbeitslosigkeit zu vermelden:

(folgene Zitate stammen aus der fairwork-Umfrage vor der Bundestagswahl)

Auch wenn es gelegentlich zu Verwerfungen kommen mag, sind die Ängste im Zusammenhang mit einer durchaus wahrgenommenen Perspektivlosigkeit und einem drohenden sozialen Abstieg für Nachwuchsakademiker im Wesentlichen unbegründet. […]Die FDP fordert […] davon abzusehen, Zugang und Ausgestaltung von Praktika durch weitere gesetzliche Vorgaben (z. B. Mindestlohn, Laufzeitbegrenzung) zu regeln und damit das Angebot und die Inanspruchnahme von Praktika zu gefährden.

Oh Nein, Volker Adams, Referent für Bildung der FDP-Bundestagsfraktion, das darf man nicht. Den Akademikern geht es im Vergleich zum Schulabrecher ja gut, da haste schon recht. Die Möglichkeit für unentgeltliche, ewig andauernde Praktika muss einfach immer gegeben sein. Ganz klar. So ein Quatsch! Aber noch viel quatschiger ist, was Dr. Arnd Bursche, Wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Ralf Brauksiepe, Vorsitzender der Arbeitsgruppe Arbeit und Soziales der CDU/CSU-Bundestagsfraktio (UFF!!!!) sagt:

Praktikanten sind bereits heute in Deutschland rechtlich gut vor Ausbeutung geschützt. Die bestehende Rechtslage sorgt für einen angemessenen Ausgleich zwischen Praktikanten und Betrieben. Daran wollen wir festhalten.

Zu Hülfe, zu Hülfe. Die Körperfresser waren da. In welcher Welt lebt denn dieser Doktor? Daran muss man natürlich festhalten. Quetscht die in die Ecke gedrängten aus. Die, die denken, es geht nicht anders. Die nach einem Strohhalm greifen müssen. Unbedingt dran klammern, liebe CDU/CSU! Stimmen aus der anderen politischen Ecke gestehen differenzieren insofern, als sie sagen, dass

Praktika keine Arbeits- sondern Lernverhältnisse sind.[…] Die Fraktion DIE LINKE fordert für Praktika während Ausbildung oder Studium mindestens 300 Euro im Monat, nach Ausbildung oder Studium den branchenüblichen Lohn.

(Nele Hirsch, Bildungspolitische Sprecherin in der Fraktion und mItglied in der Bundesarbeitsgemeinschaft Bildung der Partei DIE LINKE)

Durch die Herabsetzung des Praktikums als Lernverhältnis wird man oftmals Praktikanten nicht gerecht, da sie doch schnell als vollwertige Arbeitskraft eingesetzt werden. Hier wird nur der Begriff Praktikum verschwurbelt. Die roten Kollegen der SPD räumen ein, dass ein Praktikum nach dem Studium oder Ausbildung

die Ausnahme und nicht die Regel sein soll. […] Wir brauchen eine gesetzliche Klarstellung, dass Scheinpraktika Arbeitsverhältnisse sind […] Gleiche Leistung – gleicher Lohn.

(Swen Schulz, SPD-Bundestagsfraktion, stellvertr. Sprecher der Arbeitsgruppe Bildung und Forschung)

Endlich mal die Klarstellung: Praktika sind nützlich, aber nach einem Studium, einer Ausbildung bitte die Ausnahme! Richtig. Wenn dem bald mal nur so wäre. Ich könnte jetzt wieder in das Volo-Horn blasen, da es hier nämlich ähnlich aussieht mit Scheinvolos und so. Was sagen denn die Grünen? Sie fordern das Gütesiegel „Faires Praktikum“ und stellen fest:

Ein Praktikum ist ein Ausbildungs- kein Arbeitsverhältnis. […] Arbeitsrechtliche Standards dürfen nicht aufgrund so genannter flexibler Arbeitsverhältnisse – etwa Leiharbeit, Minijobs oder Scheinselbstständigkeit ausgehöhlt werden.

(Kai Gehring, Sprecher für Jugend- und Hochschulpolitik)

Ähnelt dem Program der LINKEN. Muss allen Ernstes vorab nochmal ein Definition von Praktikum ausgegeben werden? Immerhin wird auf einen verbindlichen arbeitsrechtlichen Standard verwiesen. Den gilt es zu erreichen. Die Praktikumsfalle gehört zerstört und auf den Müll geschmissen. Praktika können wertvoll sein. Man muss sie sich aber auch leisten können, deswegen ist die Forderung nach einer Bezahlung, die den Lebensunterhlt sichert, eine immens wichtige. Nur so ist man auf dem Weg in die Chancengleichheit. Dann kann sich auch jemand ohne Rückendeckung der Eltern mal ein Praktikum bei einem Namedropper erlauben. Irgendwo muss dann bitte auch Schluss sein. Was hat man davon, wenn man fünf verschiedene Praktikumsstellen hatte, aber dennoch keinen Job bekommt? Nicht mehr umsonst arbeiten müssen. Vernünftige, fordernde und sinnvolle Aufgaben bekommen! Ansprechpartner haben! Arbeitsverträge, Zielvereinbarungen, Urlaub, faire Arbeitszeiten. Das muss drin sein. Sonst ist man auf einem Niveau mit dem Pflicht-Schulpraktikanten. Das kann es nicht sein.

Unterstüzt diese Aktion. Habt ihr vorher von ihr schon gehört? Nein? Ich auch nicht, dabei geht die Kampagne schon eine Weile. Die Pressemaschine läuft da wohl etwas schleppend. Ärgerlich. Macht es bekannt. Wir sind viele und wir müssen nach Änderungen rufen, sonst passiert gar nichts. Wenn wir alles weiterhin so hinnehmen, dürfen wir uns nicht beklagen!

Besucht den Streikblog , kommt in die Facebook-Gruppe und schaut bei Twitter rein.

© Simone

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3 Kommentare zu “UNS GIBT ES NICHT UMSONST. Wie man ohne eigene Lobby streikt. Geht das? Wir wollen aufstehen…Praktikantenstreik

  1. Ich habe nachgedacht. Z. B. könnte man eine Petition an den Bundestag senden. Das Ganze gibt es inzwischen auch online (online-Petition).
    Man darf sicher nicht zuviel erwarten, aber wäre eine Möglichkeit.

  2. @simone.
    danke für den beitrag. tatsache ist, dass es leider wirklich etwas schleppend läuft. aber letzte woche kam unsere eigene beilage in der TAZ raus: http://www.taz.de/taz/pdf/streikbeilage09.pdf
    wir hatten letzte woche unsere ersten interviews. ein beitrag kommt anfang oktober beim tagesspiegel, die portugiesische „Publico“ hat über uns geschrieben http://bit.ly/ZlTZY. Und heut gabs nen radiointerview (kommt aber erst nächste woche)
    wenn ihr tipps zur verbreitung habt, her damit. sonst, schaut auf unseren blog: http://praktistreik09.blogsport.de/

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