Bald Doktortitel für Reinigungskräfte nötig

Ein Text über die Ausmergelung des Begriffes „Volontariat“. Mit einem kleinen Exkurs zum Thema überqualifizierte Leute für Aushilfsarbeiten gesucht. Ergo: I have got a billige Anstellung to offer.

Kurz der epilogische-Super-Exkurs: Ich erinnere mich daran, dass ich vor ein paar Wochen mal bei einer Agentur anrief, die laut Anzeige eine Halbtagskraft am Empfang suchte. Aufgabe: ans Telefon gehen. Etwas Kaffee kochen hier, mal ein Meeting vorbereiten da. Nicht mehr.  „Aushilfe für Telefon und Empfang gesucht.“ Ich also angerufen, kam mir gerade recht. Aber als ich dort anrief, wurde ich abgeschmettert. Die „Aushilfe“ sollte mindestens ein abgeschlossenes Studium (am besten was mit Kommunikation oder Medien….ahhhhh….) haben, sowie am besten noch eine Ausbildung zur Bürokauffrau und noch ein paar Jahre Berufserfahrung in einer Agentur. Für ans Telefon gehen. Halbtags. Ich legte auf und startete im Gehirn den Countdown für den Tag, an dem in Deutschland Reinigungskräfte nur noch mit Doktortitel ran ans Klo dürfen. Für 6,50 Euro die Stunde.  Prost Mahlzeit.

Jetzt zum Thema. Volontariat. Zauberwort. Türöffner. Mogelpackung. Was es mal war, ist es nur nur selten.  Die ehemals sogenannte „Journalistische Grundausbildung“ ist zum Wischi-Waschi-Job verkommen. Nennen wir es im Ernstfall nur noch: Besseres Praktikum. Die alten Regeln des Volos sind in der Landschaft der zigtausend Agenturen längst ad acta gelegt. Verloren auf dem Weg zur richtigen Ausbildung.

Simone fand an diesem Wochenende eines der Stellenangebote, in dem wieder eines der vielumjubelten Volontariate angeboten wird. Wir sind seit eh und je unzufrieden mit der Art und Weise wie manch eine Agentur ein Volo anbietet. Diese Stellenanzeige ist erneut der Beweis dafür, welch Schindluder mit dem „Volontariat“ getrieben wird. Was heute alles ein Volo ist…

Sehr verehrte Damen und Herren, hier die Stellenanzeige  zum mitlesen:

Zum 1. Oktober 2009 suchen wir eine/n
Volontär/in für das Büro der Geschäftsführung

Sie erledigen zusammen mit der Sekretärin im Vorzimmer der
Geschäftsführung alle anfallenden Assistenz- und Organisationsaufgaben eines modernen Büros. Neben der Terminkoordination und -überwachung bearbeiten sie die Korrespondenz und übernehmen die Reiseplanung und
–buchung. Das Verwalten des Büromaterials und die Datenbankpflege gehören ebenfalls zu Ihrem Aufgabenbereich.

Ihre Qualifikation:

* Abgeschlossene kaufmännische Ausbildung
* Sicherer Umgang mit MS Office und Internet
* Sehr gute Englischkenntnisse, idealerweise Kenntnisse in einer zweiten Fremdsprache
* Sorgfältige Arbeitsweise und Organisationsgeschick

Das Volontariat ist auf ein Jahr begrenzt; eine spätere Übernahme ist nicht möglich.

Wir bieten eigenverantwortliches Arbeiten in einem dynamischen Team, einenArbeitsvertrag in einem Unternehmen in öffentlicher Trägerschaft sowie
einen attraktiven Arbeitsplatz im Zentrum von Stuttgart.

Haben wir Ihr Interesse geweckt? Finden Sie sich in unserem
Anforderungsprofil wieder? Dann freuen wir uns auf Ihre vollständige
Bewerbung mit Nennung des Mediums, durch welches Sie auf unsere Stellenanzeige aufmerksam wurden. Bitte senden Sie Ihre Unterlagen unter Angabe der Stelle und des möglichen Eintrittstermins an:

Kurzum: Dies ist eigentlich kein Volontariat. Hier braucht jemand eine zweite Tippse für wenig Geld. Es geht nur ein Jahr. Gewisse Voraussetzungen sind nicht erfüllt.  Ein Volontariat im ursprünglichen Sinne geht zum Beispiel zwei Jahre. Ein journalistisches Volontariat garantiert das Durchlaufen von mindestens drei Ressorts. Dies sind nur zwei von etlichen Eckpunkten, die zumindest im Rahmen eines journalistischen Volos „eingehalten“ werden müssen.

Es gibt noch etliche andere Eckdaten, der DJV hat sogar eine Checkliste veröffentlicht, speziell für journalistische Volos. Außerdem sei hier auch noch kurz angemerkt: Früher, vor dem Wahnsinnsanfall der deutschen Wirtschaft, der deutschen Medienszene, machte man das Volontariat VOR dem Studium. Ohne einen Tag Berufserfahrung. Weiterlesen bitte hier:  http://www.djv.de/Checkliste-Volontariat.1708.0.html

Und auch bitte hier: http://www.djv.de/Volontariat.2544.0.html

Erklärungen „Was ist ein Volo?“ bis zu „Wie komme ich an ein Volo“. Auch auf der Seite des DJV.

Ergo: Das klassische Volontariat ist eine Seltenheit geworden. Vor allem im Bereich der „Schreibenden Zunft“. Sei es nun im Journalismus oder halt in der PR. Das ist wirklich schade. Vor allem die Tatsache, dass man heute stellenweise bis zu drei Jahre vorher gearbeitet haben soll – das führt den ursprünglichen Zweck des Volos in die Irre.  Das Volo war sogar mal ein Weg für Seiteneinsteiger. Jetzt, nach Anbeginn des Wahns, ist auch das unheimlich selten und schwierig geworden. Aber: Es gibt sie noch. Nur mal so am Rande.  Weiter im Thema.

Anders sieht es bei wissenschaftlichen Volontariaten aus. Jeder Kunsthistoriker wird jetzt ganz heftig mit dem Kopf nicken und sich ärgern, dass er (noch) nicht promoviert hat. Denn: hier wird der Doktortitel fast schon voraus gesetzt. Allerdings gibt es hier noch so etwas wie einen Ausbildungsfahrplan und auch Gehaltsvereinbarungen. Hier ist noch Sinn und Zweck eines Volontariates nachvollziehbar. Näheres dazu unter:

http://www.museumsbund.de/de/fachgruppen_arbeitskreise/volontariat_ak/themen/das_volontariat/

Der Begriff verkommt dennoch zu Spott und Schande. Das kann so nicht weitergehen. Der Ausdruck „Volontariat“  ist ein bloße Worthülse geworden, seine Inhalte ausgezehrt. Gerade die „Irgendwas mit Medien“-Branche hat ihn kaputt getrampelt.

Zum Weiterlesen:

  • Artikel des Wissenschaftsladen Bonn

http://www.wilabonn.de/2005-30-biku.pdf

  • Was sagt ver.di?

http://dju.verdi.de/junge_journalisten/volontariat

  • Leitfaden vom Fachverband der Technischen Redakteure

http://www.tecteam.de/grafix/bi_pdf/leitfaden_volontariat_080829.pdf

Welche Erfahrungen habt Ihr in Sachen Volontariat? Gibt es eine(n) der wenigen Glücklichen, der/die eine Volo-Ausbildung mit einem ordentlichen Vologehalt machen durfte?  Oder das Gegenteil: Wer hat ein Volo gemacht, welches leider keines war?

© Rose & Simone

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3 Kommentare zu “Bald Doktortitel für Reinigungskräfte nötig

  1. Mit dem Zauberwort „Volontariat“ lässt sich anscheinend alles machen … und sie finden noch Interessenten dafür.
    Danke für die Infos !

  2. Ich mache tatsächlich ein angemessen bezahltes Volo in der Unternehmenskommunikation eines Verlags. Habe einen Tarifvertrag für Redakteure bekommen. Während des Volos macht man Seminare (natürlich hauptsächlich zur UK) und lernt außerdem die verschiedenen Redaktionen des Verlags kennen. Die Übernahmechancen nach 18 Monaten sind auch nicht schlecht.
    Ich hatte Glück: Studium Germanistik und Kunstgeschichte (ich kenne also die Geschichte mit wissenschaftlichen Volos ;)), dann Knie-OP, kurieren, währenddessen Bewerbungen und nach wenigen Wochen hatte ich was. Die Krücken beim Vorstellungsgespräch hatten irgendwie auch was stylisches ;).
    Trotzdem verfolge ich gerne euren Blog mit Eifer und Gespanntheit!

  3. hallo, super blog. zum thema, wenn es eine leitfaden gibt wie ein volo aussehen soll, kann man dann nicht rechtlich so einiges machen? ich hab vor kurzem mal einen kurz zum thema arbeitsrecht gemacht und diverse ehemalige arbeitgeber verklagt, under anderem weil ich kein urlaubsgeld bekommen habe. eigentlich hat man durch die rechte als arbeitnehmer ja doch immer noch ein paar chancen zu seinem recht zu kommen!

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