Depesche aus der Realität

Gestern brav am Kiosk gewesen und den neuen Spiegel gekauft? Die neue Sonderausgabe gleich mit? Die hat nämlich einen interessanten Artikel. Liest du hier:

http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,638189,00.html

Interessante Frage: Wie flexibel man auch ist, wie hätte man sich in Studium und Ausbildung auf diese Krise einstellen sollen? Wer bisher dachte, dass es nur oder vor allem in der Medien- bzw. Kommunikationsbranche schlecht aussieht, der wird hier deutlich eines besseren belehrt. Leider. Faszinierend ist aber der immergleiche Ärger der willigen Berufsanfänger: man bekommt kaum noch Absagen, Bewerbungen verlaufen im Sande, die ARGE schickt oftmals Angebote, die nicht zum eigenen Profil passen und aus Verzweiflung irgendwie an Berufserfahrung zu kommen, landet man doch wieder in der Praktikumsfalle. Oder bei der Verlegenheitspromotion. Es ist zum würgen!

Das die Problematik nicht ausgedacht ist, sehen auch Insider der PR-Branche ähnlich. So zu lesen in einem offenen Brief von Norbert Schulz-Brudoehl vom PR-Journal an die DPRG.  Interessant ist vor allem das letzte Drittel:

3) Ich engagiere mich seit 23 Jahren in der Aus- und Weiterbildung von PR-Leuten. Darum weiß ich ganz gut, warum überprüfbare Inhalte und aussagekräftige Prüfungen einen großen Wert haben. Erlebt habe ich, dass nach jahrzehntelangem Gezerre endlich eine ernst zu nehmende Prüfungsinstanz am Horizont stand. Weil aber der DPRG-Führung ein gedeihliches Einvernehmen mit einem konkurrierenden Verband, dem Bundesverband der Pressesprecher, wohl wichtiger als alle Sachfragen war, geriet diese Prüfungsinstanz sofort wieder unter die Räder.

Die PZOK erweist sich mehr und mehr als Legitimierungsinstanz für den Mist, den die Deutsche Presseakademie (depak), eine Ausgründung des Pressesprecherverbandes, als PR-Ausbildung etikettiert. Die seriösen Institute haben sich sämtlich distanziert, haben eigene Prüfungsmodelle entwickelt oder kooperieren mit akademischen Einrichtungen. Eine vereinheitlichte Ausbildung und eine qualifizierte Prüfung – ein erklärtes Verbandsziel! – hat die DPRG-Spitze durch ihr unsägliches Taktieren vor die Wand gefahren. Bravo zu diesem Eigentor!

Dies ist nur ein Beispiel dafür, wie scheißegal der DPRG die jungen Leute sind, die ihr eigentlich die Zukunft sichern sollten. Wie soll ich einem jungen, begabten und ehrgeizigen Menschen raten, diesem Berufsverband beizutreten, der seine Interessen nicht nur nicht vertritt, sondern sogar verhöhnt?

Zu diesem letzten Punkt passt übrigens gut, dass die DPRG nicht einen Satz fertig bringt, um Nachwuchskräfte vor der ruinösen Ausbeutung durch viele PR-Agenturen zu schützen. Die Agenturchefs haben in diesem Verband die Macht, klare Ausbildungsrichtlinien und tarifähnliche Festlegungen für Volontäre, Trainees oder Juniorberater zu verhindern. Auch hier ist das Einvernehmen mit dem Agenturver-band GPRA (der nicht einmal drei Dutzend von fast 1.000 PR-Agenturen repräsentiert) offenbar wichtiger als alles andere.

Die DPRG ist ein unbedeutender Verein geworden. Wenn in den Massenmedien mal wieder von „PR-Tricks“ und „-Gags“ die Rede ist, gibt es niemand aus der DPRG, der dagegen antritt. Wahrscheinlich gibt es nicht einmal Anfragen. Wenn „PR-Leute“ in Nachrichtensendungen, Magazinen oder Talkshows zu Wort kommen, dann sind sie auf Krawall gebürstet wie Klaus Kocks, aalglatt und arrogant wie Moritz Hunzinger, oder es handelt sich um schnatternde Dämchen mit Adelsprädikat und einem Hang zu reichlich Schmuck.

Es gibt, wie gesagt, eine Fülle weiterer Details, die mich in ihrer Summe zum Rückzug bewegen, aber ich will niemand langweilen. Nein, dieser Verband ist nicht mehr mein Zuhause. Ich war kein besonders aktives Mitglied, aber immer sehr interessiert. Es hat mich lange nicht gestört, dass 95 Prozent der Kommunikationsmanager, PR-Berater, Pressesprecher und wie sie sich alles nennen, diesem Verband nicht angehören. Inzwischen sehe ich, wie gerechtfertigt dieses Misstrauen ist. Ich glaube heute, dass die Branche etwas anderes, besseres verdient hat als die existierenden Verbände.

Den ganzen Artikel lest ihr hier: Brief an die DPRG.

© Simone & Rose

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Ein Kommentar zu “Depesche aus der Realität

  1. Den Breif habe ich auch gelesen und konnte nur den Kopf schütteln. Ist das deprimierend, wenn ein „Vorbild“ es bereits falsch „vorlebt“.
    Schon alles ziemlich verquer, da läuft nicht etwas, sondern (fast) alles schief.
    Wer es dann aber schafft, sich im Chaos zurecht zu finden und zu entfliehen, wird König. Denn einmal draußen, kann man ja nur Gewinner sein.

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