Zirkustier. Allein am großen runden Tisch mit Daumenschrauben

Jetzt, da Rose am Donnerstag ihr Gespräch hat, für das ich ihr meine Däumlein drücke, krame ich mal in meinem Erfahrungsschatz. Ein Erlebnis, das mich niedergemschettert hat für ein paar Tage. Rose, auf das dir sowas nicht begegnet. Wer den Post mit dem Titel „Link…“ las, wird auf die zweite zitierte Absage gestossen sein. Die erhielt ich nach meinem horrorhaftesten Gespräch. So far. Ich hatte eine Stellenausschreibung entdeckt für ein Volontariat. Anforderungen, Leistungen, Kundenportfolio: alles knorke. Ich: bastel, bastel an Bewerbung und dann raus damit. Zwei Wochen später geht das Telefon. Eine nette junge Frau von besagter Agentur stellt mir ein paar Fragen und erzählt vom zukünftigen Posten. Aufregung. Ich versuche mich gut und ehrlich zu verkaufen. Bloss nichts erzählen, was man dann nicht halten kann. Gespräch läuft gut, ich werde eingeladen. Am besagten Tag, ich habe sogar meine Lieblungsschuhe angezogen, gehe ich bei strahlendem Sonnenschein den Gang zum Schafott. Nach Canossa. Ich weiß das nur noch nicht. An einem riesengroßen Tisch sitzen mir 3 Leute gegenüber. Der Agenturchef und zwei Mitarbeiter (1 Mann, 1 Frau). Machen einen netten Eindruck. Auch wenn der Chef nicht lächelt, was mich verunsichert. Die ersten Fragen kloppen gleich rein. Anscheinend habe ich zu lange und dann auch noch das falsche studiert. Mein Praktika sind ja uninteressant und meine Weiterbildung: naja, was das wohl war? Ich komme da nicht richtig raus anscheinend. Meine Argumente prallen ab. Am Chef zumindest, so habe ich das Gefühl. Als ich mich einer gewissen Menschenkenntnis und einem guten Gefühl für Stimmungen rühme etwas später, soll ich die momentane Stimmung beschreiben und darstellen, wie das Gesprächaus meiner Sicht so läuft. Der Chef schaut mit Pokermine während meiner Ausführungen hinunter, als dächte er „Ach, du guter Gott…“. Die beiden anderen waren zugänglicher und boten mir auch mal ein Lächeln. Dies habe ich so dann gesagt. Ui. War vielleicht nicht so clever. Aber ehrlich. Irgendwie habe ich die ganze Zeit eines auf den Deckel bekommen und ich fragte mich, wieso die mich überhaupt eingeladen haben. „Wir haben eigentlich keinen akuten Bedarf im Moment, aber wir schauen uns um, wer zu uns passen könnte. Wir haben uns vor dem Gespräch im Internet schlau gemacht, was man Bewerber denn so fragt. So etwas wie: Nennen Sie mir doch mal 3 Gründe, Sie nicht einzustellen…“, so tönt es mir entgegen. „Bitte nicht“, denke ich laut und der Chef verzichtet dann auf die Frage und es wird gemeinsam diskutiert, wie man auf so etwas antworten sollte. Na prima. Dann sollte ich je eine PR-Aktion und eine Werbe-Aktion der letzten Zeit nennen, die mir gut gefallen hat. Uff. Nackenschlag, aber ich habe Beispiele geliefert. Beides war auf der anderen Seite unbekannt und es wurde mir gesagt, dass man sich diese Frage auch vorher überlegt habe und selbst keine Antwort darauf gefunden hätte, insofern hätte ich mich ja gut geschlagen. Ja, vielen Dank auch. Das Gespräch war dann nach ca. 35 Minuten beendet. Oder sollte beendet werden. Als letztes wurde ich auf einen Fehler in meiner Bewerbung aufmerksam gemacht. Ich bin innerlich gestorben. Neiiiiiin, sowas darf doch nicht passieren. Die Frau, die mit mir auch am Telefon sprach, zeigte Verständnis. Der Chef nicht. Wenn das bei einer Kundenbroschüre passiere, das würde Geld kosten, das könne man sich auf keinen Fall erlauben. Wieder bei mir der Gedanke: warum bin ich dann hier? Ich habe dann geantwortet, dass bei einer Broschüre mehr als ein Augenpaar drüberschaut, was bei mir in diesem Fall leider nicht so war. Kam bestimmt auch wieder doof. Danach wollte er mich verabschieden. Mit so einer Negativaussage könne man das ganze doch jetzt nicht beenden, meinte ich. War wohl Fehler Nummer was weiß ich. Es folgte in bisschen Smalltalk und dann Händegeschüttel. Der Chef blickte mir nicht ins Gesicht und die Agentur wurde mir auch nicht gezeigt. Was mir nach wenigen Minuten im Gespräch schon klar war bewahrheitete sich in der bekannten Absage. Einfach alles voll schlimm. Das hat keinen Spaß gemacht. Ich hatte nicht eine Minute lang ein gutes Gefühl. Ich kam mir vor wie ein Seehund, dem man einen Ball auf die Schnauze schmeisst: so jetzt mach. Wir wollen was sehen.

© Simone

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3 Kommentare zu “Zirkustier. Allein am großen runden Tisch mit Daumenschrauben

  1. Das mit dem „Nennen Sie mir eine gute PR-Aktion und eine gute Werbe-Aktion“ kommt mir von einem meiner eigenen Gespräche bekannt vor. Ansonsten ist das natürlich alles harter Tobak. Wo war denn das Gespräch? Weil auch das mit dem 1 Mann und 1 Frau kommt mir bekannt vor. Kann mir zwar nicht vorstellen, dass wir bei der selben Agentur waren, aber das wäre ja nicht das erste Mal, dass es so wär ;-).

  2. Die Fragen meines Vorredners würden mich auch interessieren 😉
    Falls diese Firma nochmal ne Ausschreibung hat, lass ich die Bewerbung direkt weg. Was soll man bei nem Arbeitgeber, bei dem man sich nicht wohl fühlt…?!

  3. Ähm, hallo…

    1. da sollte sich in der Tat niemand bewerben

    2. hättst da wirklich arbeiten wollen????? Sowie der Chef is, so is das Arbeitsklima – ergo besch***en. Das macht keinen Spaß und einen kaputt.

    3. Chefs machen auch Fehler und sind nicht übermenschlich. In solcher einer Situation hilft eigentlich nur angreifen (Angriff ist die beste Verteidigung.), wenn eh schon alles verloren scheint. Ich könnt mir auch vorstellen, daß die genau das testen wollten, ob man/frau Zähne zeigt – beim nächsten Ma 🙂

    4. Jemand, der nicht in die Augen schaut, is ne Flasche. In den Augen steht bekanntlich die Wahrheit. Vielleicht hätte er sich dann selbst geoutet 😉

    Ansonsten muß ich sagen interessante Website. Ich bin erst seit kurzem im Bewerberkarussell, aber jetzt absolut vorgewarnt.

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