Lakaien und Momos Zeitmenschen. Erfahrungen von Lesern

Don Quichote ließ uns folgende Geschichten zukommen:

Ein Vor-Vorstellungsgespräch

Ein Stellenangebot von der Agentur: „Wir freuen uns Ihnen folgenden Arbeitsplatz vorschlagen zu können …“ Beileibe, schlecht hörte es sich nicht an. Ein lokales Portal, das mit Geschichten und Geschichtchen gefüttert werden wollte, die nette Art von Content.

Schon bei meinem Anruf sagte mir die Frau, dass die Stelle bereits besetzt sei. Hui, das ging flott. Im Rahmen meiner damaligen Weiterbildung suchte ich noch einen Praktikumsplatz, wäre das wohl möglich? Nun, dann sollte ich meine Bewerbungsunterlagen zusenden, man wolle dann sehen. Siehe da, es folgte der Anruf vom Chef höchstpersönlich, wir vereinbarten einen Termin.

Jetzt wurde es hektisch, hatte ich doch die neuesten Tipps und Tricks beim Bewerbungstraining erfahren. Aufgebretzelt, adäquat vorbereitet, überpünktlich eilte ich zum verabredeten Ort. Ich mag kleine Teams, es muss nicht perfekt sein, wenn es mal chaotisch zugehen sollte – auch kein Problem, solange Respekt und Höflichkeit zählen…

Ein Ladenlokal im Souterrain – Guten Tag, ich bin, ich habe … Oh, ach ja, setzen Sie sich, der Chef braucht noch einen Moment. Der Lakai reichte ein Glas Wasser. Im 12 qm Raum hielten sich samt meiner sechs Leute auf. Der riesige Server nahm die Hälfte des Platzes ein. In einer Ecke drückten sich zwei Mitarbeiter herum, hinter mir unterhielt sich ein Herr mit einer Dame, die sehr wichtig aussah. Der Lakai mit altrosa Jackett wirkte etwas nervös und deplatziert, fand keinen Platz mehr in der Herberge. Ach, bitte, könntest du nicht das Gespräch führen, komme dann nach? Lautete es plötzlich hinter meinem Rücken. Ich drehte mich um, zählte Pi und Daumen zusammen. Ach, Guten Tag, ich reichte meine Hand, Sie sind wohl der Chef, wir hatten miteinander telefoniert? Sehr erfreut. Der Lakai willigte ein. Ich schaute mich um, in welches Hinterzimmer es jetzt wohl gehen würde. Nahm mein Wasserglas in die Hand. Nein, nein, lassen Sie es stehen, der Lakai drückte mich zur Ladentür. Gehen wir doch in die Eisdiele, dort um die Ecke. Und jetzt müssen Sie mich mal aufklären, warum Sie eigentlich hier sind? Ach, na sowas, sehr interessant. Ja, ja.  Das Portal ist natürlich nur ein Nebenzweig, eher ein Aushängeschild für unsere Dienstleistungen. Mittlerweile ist dem Chef die Sache ans Herz gewachsen. Der Chef, wo blieb er nur? Der Herr in Rosa kam zum Ende: Ich schlage vor, wir verabreden einen Termin an dem dann auch alle da sind, der Chef und die Frau X, die Sie dann ja einarbeiten muss. Die kann auch Ihre Fragen beantworten. So, so, und – okayyyyyyyy, und – was war das jetzt gerade? Warum das Ganze? Selten habe ich mich so ernst genommen und verstanden gefühlt. Ja, ja, bis zum nächsten Mal und kreuzte meine Finger hinter dem Rücken.

Eine Zeit später erhielt ich die Nachricht, dass sie mir besser absagen, weil sie nicht garantieren können, mich angemessen betreuen zu können. Nun denn!

Wer hat bloß diese Stelle bekommen?

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Momos Zeitmenschen – es gibt sie wirklich!

Damals ging es mal wieder um einen Praktikumsplatz. In der Redaktion eines brandneu erschienenen Kindermagazins mit dem innovativen Ansatz für die gesamte Familie dazusein. Hinter der Adresse verbarg sich einer dieser schicken Bürokomplexe, die immer wieder gerne wirtschaftliches Wachstum suggerieren. Der kühle Schick in XXL-Version dient einzig und alleine dazu einen eben noch aufrechten Menschen auf das Format einer Ameise zu schrumpfen. Das ist Programm: Du bist ein Rädchen im Gefüge und mit Sicherheit, einszweidrei, ersetzbar.

Der Lift spuckte mich auf Etage X aus. Ich begrüßte eine sehr junge Frau, die mich als bald in ein Zimmer bat und die Tür hinter mir in Schloss fallen ließ. Meine Augen mussten sich einen Augenblick lang an das Dämmerlicht gewöhnen. Jalousien verbaten dem Tageslicht einen Hauch von Freundlichkeit in die klimatisierte Luft zu bringen.

Zwei Männer, eben noch ins Gespräch vertieft, hielten inne. Der bulligere von beiden, saß auf einem überdimensionierten Chefsessel, die Beine auf dem Schreibtisch, eine Zigarre in der Hand. Sein Vertrauensmann kauerte derweil auf einem Stuhl, schräg hinter dem Boss. Dank seiner gebeugten Haltung konnte er schnell und lautlos etwas dem Boss ins Ohr zu flüstern. Es gab sie also wirklich, Momos Zeitmenschen, auf die Zigarre angewiesen, grau und unterkühlt.

Der Boss deutete mir an Platz zu nehmen. Erzähl´n Se mal was von sich! Ich ratterte meine frisch abgeschlossene studentische Vergangenheit herunter. Fertig.

Sie können hier anfangen, sagte der Boss und sog an der Zigarre.

Der Lift spuckte mich wieder im Erdgeschoss aus, das Sonnenlicht ärgerte meine Augen. Hatte ich gerade geträumt? Wohl nicht. Nach einem späteren Telefonat, bei dem ich auch das Wort „sozialversicherungspflichtig“ in den Mund nahm, hörte ich nie wieder etwas.

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Trips in die Twilightzone!

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